Willkommen im «Queerreich»

Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum Bern

Die Ausstellung «Queer — Vielfalt ist unsere Natur» gibt Einblick in die Vielfalt der Geschlechter und sexuellen Ausrichtung bei Tieren und Menschen. Die Ausstellung spannt den Bogen zwischen Natur und Kultur, zwischen biologischen Erkenntnissen und aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Unser Autor Ludwig Zeller hat sie besucht und er ist begeistert!

«Alles so schön bunt hier!» denke ich, als ich die Sonderausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere Natur» besuche. «Den typischen LGBT-Regenbogen haben wir in der Ausstellung bewusst nicht verwendet», erzählt mir Katharina Weistroffer vom Naturhistorischen Museum Bern. Schon klar, der ist inzwischen etwas abgedroschen, und trotzdem ist die Ausstellung über Queerness in der Tier- und Menschenwelt ganz schön farbenfroh geraten. Das Thema Queer ist derzeit zwar in aller Munde und hängt einigen bestimmt schon zu den Ohren raus, doch was uns die Austellungsmacher*innen hier präsentieren, ist weder altbekannt, noch so trivial wie der Regenbogen. Die Ausstellung nimmt die Besuchenden mit auf eine Entdeckungsreise ins «Queerreich», eine Welt, die die bunte Fülle in Natur und Gesellschaft aufzeigt, und die beim Thema Geschlecht und Sexualität zu finden ist. Eine Expedition, bei der die Besuchenden auch ihre eigene Identität erforschen.

Christian Kropf ist der wissenschaftliche Kurator der Ausstellung und findet, dass das Wort «unnatürlich» aus dem Wortschatz gestrichen werden sollte, denn so etwas gibt es nicht. Alles ist Natur, also natürlich. Für Menschen, die behaupten, es sei wider die Natur wenn Männlein mit Männlein Sex hat oder ein Weibchen mit anderen Weibchen eine Familie gründet, lieferte Christian Kropf beim Rundgang durch die Ausstellung einige Gegenbeweise. Auch die strikte Trennung der Geschlechter ist menschgemacht und nicht natürlichen Ursprungs. In der Natur gibt es Wesen, zum Beispiel Schnecken, welche beide Geschlechter, und solche, die tausend in sich tragen. Obendrein solche, die ihr Geschlecht wechseln können. Auch Homosexualität ist im Tierreich weit verbreitet. Das männliche Walliser Schwarznasenschaf treibt es gerne mit anderen Böcken, nicht nur zur Abwechslung oder aus Langeweile. Manche Böcke bocken ausschliesslich andere Böcke. Bei den Delphinen gibt es sogar schwule Cliquen! Die treiben es besonders bunt und penetrieren sich gegenseitig alle Löcher, dabei wird nicht mal die Nase des Delphins, das Blasloch (hihihi), verschont. Auch wenn wir die Bezeichnung «queer» für Menschen nutzen, ist in der Tierwelt ausserordentlich viel Queerness zu finden.

 

Es gibt männlich Walliser Schwarznasenschafe (links) die ausschliesslich Böcke bocken und die Hyänen leben im Matriarchat.

 

Vielfalt ist gut, weil natürlich

«Alle Besuchenden kommen mit ihrem eigenen Rucksack an Vorwissen und Meinungen in die Ausstellung – manche bewegen sich in der Queer-Szene, andere wissen nicht genau, was queer überhaupt bedeutet», schreibt das Museum in seiner Medienmitteilung. «Dieser Kluft versucht die Ausstellung gerecht zu werden, indem sie sich als Angebot versteht: ein Angebot, den eigenen Rucksack mit neuen Fundstücken an Wissen und Erkenntnissen zu füllen. Die Ausstellung spannt dabei den Bogen zwischen Natur und Kultur, zwischen biologischen Erkenntnissen und aktuellen gesellschaftlichen Debatten.» Letztere sind dem Kurator Simon Jäggi besonders wichtig und ihnen ist deshalb ein Teil der Ausstellung mit dem Titel «Kräfte» gewidmet. Alte Normen und Werte stehen im Wandel; das erzeugt Widerstände, aber auch konstruktive Energie, etwa in der Sprache, in der Kultur – und in einzelnen Lebensläufen. Diese Kräfte beleuchten eine Station mit sieben queeren Biografien, ein Sprach- und ein Identitätsquiz. Die Station «Kreativer Motor» gibt einen Eindruck von der schieren Fülle an queerer Kultur. «Destruktive Kräfte» zeigt die Realität, dass queere Menschen noch immer unter Diskriminierung und Gewalt leiden. Jäggi möchte die Vielfalt aufzeigen und hofft, dass die Besuchenden nach der Expedition durch das «Queerreich» die Erkenntnis in den Rucksack packen, dass Vielfalt gut ist, weil natürlich.

Das biologische Geschlecht ist komplexer, als vermutet

Auch der Trans*Aktivist Henry Hohmann konnte seinen Rucksack mit neuem Wissen aufstocken. Hohmann hat die Ausstellungsmacher*innen begleitete und dafür gesorgt, das die Texte – wie er selbst sagte – «vertranst» sind, also queer-konform. Für Henry Hohmann war besonders die Ausstellungszone «Körperwelten» spannend. Sie zerlegt das Geschlechtskonzept in seine Bestandteile und wirft einen umfassenden Blick auf das biologische Geschlecht. Wissenschaftlich gesehen bewegen wir uns als Individuen auf einem Spektrum, das sich zwischen den Polen typisch männlich und typisch weiblich auffächert. Das biologische Geschlecht des Menschen wird durch mindestens sieben Aspekte bestimmt. Zudem erklärt dieser Bereich der Ausstellung, wie Geschlecht entsteht und warum es überhaupt Geschlechter gibt. Der Biologe Christian Kropf hatte ein paar interessante Geschichten zu erzählen zu diesem Thema. Beispielsweise die von dem älteren Mann, der einen Leistenbruch hatte, und als man ihn operierte, feststellte, dass er eine voll ausgebildete Gebärmutter hat. Oder davon, dass sich im Mutterleib Zwillinge verschmelzen können und dieses dann sowohl männliche wie weibliche Chromosomen in sich tragen, ohne dass sie es wissen, und was nur durch Zufall bekannt wird. Das biologische Geschlecht ist also komplexer, als wohl die meisten vermuten.

Ob Mensch oder Tier, die Natur ist queer.

Die Sonderausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere Natur» im Naturhistorischen Museum Bern ist farbenfroh, informativ und vollgepackt mit spannenden Geschichten. Geschichten und Wissen, dass du bei der nächsten Diskussion über die angebliche «Unnatürlichkeit» von LGBT zum Besten geben kannst um den Gegenbeweis zu erbringen. Die Ausstellung hilft aber auch, seine eigene Wahrnehmung von Queerness zu schärfen und die Vielfalt in sich selbst zu erkennen und zu umarmen.  Die Ausstellung wird ein ganzes Jahr zu sehen sein (bis 10. April 2022), und wird mit verschiedenen Veranstaltungen wie Workshops, Führungen, einer Dragshow und Kamingesprächen ergänzt. Informiere dich auf www.nmbe.ch.


«Queer – Vielfalt ist unsere Natur»

Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum Bern
9. April 2021 bis 10. April 2022


Verführungen

Queere Menschen entern die Ausstellung und geben eine ganz persönliche Führung. Jeweils am ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat. Die Verführungen können auch privat gebucht werden. 


Late Night Drag

Erfolgsshow der transsilvanische Comedy Queen Ágota Dimén und Drag Queen Milky Diamond zum ersten Mal in Bern. Do, 3. Juni 2021


Kamingespräche

Im lauschigen Rahmen vertiefen wir mit spannenden Gesprächspartner*innen die Ausstellung.

Do,  22. April 2021: Performing Gender
Do,  27.  Mai 2021: Queer und Biologie: Wie deuten wir die Natur?
Do, 16. September 2021: Das unbekannte Phänomen Intergeschlechtlichkeit
Do, 11. November 2021: Queer und Religion
Do, 20. Januar 2022: Trans: Geschlecht ist Kopfsache


Workshops

Queere Themen ganz praktisch
Mi, 28. April und Mi, 20.Oktober 2021: Queerfeldein
Sa, 8. Mai 2021: DIY Sex Toys
Sa, 5. Juni 2021: Drag
Sa, 23. Oktober 2021: Voguing


«Living Library» mit queeren Menschen

Die Living Library ist eine Bibliothek – mit einem feinen Unterschied: die Bücher sind Menschen. Erfahre ihre Geschichten im direkten Gespräch. Dieser Anlass wird in Zusammenarbeit mit SCI Schweiz und der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Bern im Rahmen des Berner Aktionsmonats «LIKEƎVERYONE» durchgeführt. Fr, 21. Mai 2021


Queere Tiere erleben

Ein Rundgang im Tierpark Bern. Erleben Sie Geschlechtervielfalt in natura! In Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Bern bietet der Tierpark Bern während der Dauer der Ausstellung einen Rundgang zu «queeren» Tierarten im Vivarium. Achtung: Derzeit ist das Viviarium bis auf Weiteres geschlossen. 

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