Die Entstehung neuer Identitäten
Die Ausstellung «The First Homosexuals» im Kunstmuseum Basel
Was heute selbstverständlich klingt, war einst ein radikaler Gedanke: dass Begehren mehr ist als eine Tat – nämlich Teil der eigenen Identität. Die Ausstellung «The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939» nimmt ihr Publikum mit auf eine Zeitreise an den Ursprung moderner queerer Selbstverständnisse. Vom 7. März bis am 2. August im Neubau des Kunstmuseum Basel.
Ein Wort verändert die Welt
1869 taucht im deutschsprachigen Raum erstmals ein neues Wort auf: «homosexuell». Geprägt vom ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, eingeführt in anonym verbreiteten Flugschriften, sollte es nicht weniger als ein Menschenrecht verteidigen – das Recht auf Begehren.
Zur gleichen Zeit entwickelte der ostfriesische Jurist Karl Heinrich Ulrichs eine andere Theorie. Er sprach vom «Urning», einem Menschen mit angeborenem gleichgeschlechtlichem Begehren, den er als Teil eines «dritten Geschlechts» verstand – weder eindeutig männlich noch weiblich.
Was nach abstrakter Theorie klingt, hatte weitreichende Folgen: Sexualität wurde nicht länger nur als Handlung betrachtet, sondern als Wesenskern. Eine Identität entstand. Und mit ihr neue Bilder.
Kunst als geheimer Möglichkeitsraum
Die Ausstellung, die ursprünglich in Chicago gezeigt wurde und nun in Basel in einer erweiterten Fassung zu sehen ist, versammelt rund achtzig Werke – Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien. Manche sind zart, manche kühn, einige zum ersten Mal in der Schweiz ausgestellt.
Im späten 19. Jahrhundert musste gleichgeschlechtliches Begehren meist zwischen den Zeilen erscheinen. In einer Zeichnung wie «La Blanchisseuse» von Pascal Dagnan-Bouveret entdeckt man das männliche Paar vielleicht erst beim zweiten Hinsehen. Auch die dänische Künstlerin Emilie Mundt porträtierte ihre Partnerin und ihre Adoptivtochter – ein Familienbild, das zugleich ein Statement war.
Deutlich selbstbewusster tritt im frühen 20. Jahrhundert Romaine Brooks auf. Ihr Porträt der exzentrischen Marchesa Casati von 1920 zeigt queere Identität als Inszenierung – stolz, kühn, unverkennbar. Die Kunst bot einen Freiraum. Hier konnten Künstler:innen ausdrücken, was gesellschaftlich noch keinen festen Platz hatte.

Körper im Wandel
Um 1900 verändern sich nicht nur Begriffe, sondern auch Körperbilder. Androgyne, jugendliche Figuren weichen zunehmend muskulösen, maskulinen Darstellungen. Während politische Bewegungen den starken Männerkörper als Symbol nationaler Kraft propagierten, spielte die homoerotische Kunst mit dieser Inszenierung – und entlarvte sie zugleich als Konstruktion.
Homosexualität wurde damals häufig als «drittes Geschlecht» verstanden: ein männlicher Körper mit weiblicher Seele oder umgekehrt. Als sich später die Vorstellung von sexueller Orientierung durchsetzte, rückten normative Geschlechterbilder wieder stärker in den Vordergrund. Die Kunst reagierte sensibel auf diese Verschiebungen – und machte sie sichtbar.
Codes, Freundschaften und doppelte Bedeutungen
Wo Worte fehlten oder gefährlich waren, halfen Codes. Antike Mythen, religiöse Motive oder das klassische Thema der Badenden boten diskrete Projektionsflächen.
Der deutsche Maler Ludwig von Hofmann deutete homoerotisches Begehren noch vorsichtig an. Drei Jahrzehnte später legte der Schweizer Künstler Paul Camenisch die homoerotischen Konnotationen desselben Motivs deutlich offener aus. Für Frauen spielte der Begriff der «Freundschaft» eine besondere Rolle. «Romantische Freundinnen» konnten ein gesellschaftlich akzeptierter Schleier sein – oder ein offenes Geheimnis. Manche Darstellungen lassen keinen Zweifel daran, dass es hier um mehr als sentimentale Zuneigung ging.

Vielfalt – und ihre gewaltsame Unterbrechung
Um 1910 tauchen erste Begriffe für trans Identitäten auf. Sexualität und Geschlecht werden zunehmend getrennt gedacht. Neue Selbstentwürfe entstehen – in Ateliers, Salons, auf Bühnen.
Doch die 1930er-Jahre setzen dieser Entwicklung ein jähes Ende. Das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld in Berlin wird 1933 zerstört. Künstler:innen werden verfolgt, ermordet oder in den Untergrund gezwungen.
Gleichzeitig entstehen Widerstandsbewegungen. Das Künstlerinnenpaar Claude Cahun und Marcel Moore leistet auf Jersey Widerstand gegen die deutsche Besatzung. In New York formiert sich die Harlem Renaissance – eine mehrheitlich queere, Schwarze Kulturszene, die koloniale und rassistische Narrative herausfordert und eine neue Ästhetik entwickelt.
Globale Perspektiven
Die Ausstellung blickt bewusst über Europa hinaus. Sie zeigt, wie koloniale Mächte gleichgeschlechtliches Begehren diffamierten, um Herrschaftsansprüche zu legitimieren – und wie Künstler:innen weltweit Gegenbilder entwarfen. Von Japan über Peru bis Mexiko und Sri Lanka: Die Werke erzählen von kulturellen Traditionen, die Vielfalt kannten, bevor europäische Moralvorstellungen sie verdrängten. So wird deutlich, dass die Geschichte queerer Identitäten keine rein westliche Erfindung ist, sondern ein globales Geflecht aus Austausch, Unterdrückung und Selbstbehauptung.
Eine Geschichte, die bis heute wirkt
«The First Homosexuals» ist mehr als eine historische Schau. Sie erzählt, wie Identität entsteht – durch Sprache, Bilder und Gemeinschaft. Sie zeigt, dass Sichtbarkeit erkämpft wurde und dass Begriffe Macht besitzen. In der Basler Adaption vereinen sich internationale Leihgaben mit Werken aus der eigenen Sammlung. Zusammen eröffnen sie einen vielschichtigen Blick auf die Jahre 1869 bis 1939 – eine Zeit, in der ein Wort geboren wurde und mit ihm neue Lebensentwürfe.
Wer heute durch die Räume des Kunstmuseums geht, begegnet nicht nur Kunstgeschichte, sondern den Anfängen einer Bewegung, die bis in unsere Gegenwart reicht. Und vielleicht auch der Erkenntnis, dass jede Epoche ihre eigenen Bilder finden muss, um zu sagen, wer wir sind.
The First Homosexuals
Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939
7. März bis – 2. August 2026, Kunstmuseum Basel | Neubau