Klamauk, Drama und Langeweile

Eurovision Song Contest – 12., 14. und 16. Mai in Wien

DJ Ludwig, unser Redaktions-Pop-Nerd, hat sich die 35 Songs des diesjährigen Eurovision Song Contest angehört. Mal gnädig, mal vernichtend beurteilt er die Beiträge und verrät, welche Lieder ihn begeistert habe, welchen er den Sieg zutraut und welche ihn langweilten, ärgerten oder überraschten.

 

Polit-Mobbing am ESC

Vor dem diesjährigen Eurovision Song Contest im Mai in Wien gab es unter den teilnehmenden Ländern Spannungen, welche die Veranstalterin, die EBU, vor eine enorme Zerreissprobe stellten. Einige Länder wollten Israel aus dem Wettbewerb mobben, wegen ihrem Verhalten im Krieg gegen die Hamas. Doch die EBU stellte sich gegen einen Boykott. Daraufhin haben sich die Bullys (Niederlande, Spanien, Irland, Island und Slowenien) aus Protest vom diesjährigen Liederwettbewerb zurückgezogen. Eine dramatische Geste. Ich finde die Entscheidungen von beiden Seiten richtig. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass sich die EBU gegen einen Boykott stellt und bei der Cancel Culture nicht mitmacht, denn sie hält fest, dass der ESC keine politische Veranstaltung ist. Das Publikum und teilweise auch die Performer*innen dürfen durchaus politisch sein, was ihr gutes Recht ist. Andererseits finde ich es konsequent und ehrlich von den Ländern, die für einen Boykott waren, dass sie zu ihrer Meinung stehen, und dem Wettbewerb nun fernbleiben.

Also fünf Länder weniger am Wettbewerb 2026. Doch dafür kommen zwei Länder zurück. Bulgarien machte seine letzte Aufwartung am europäischen Gesangswettbewerb 2022 und kommt nun mit der Sängerin Dara zurück. Moldawien macht 2025 eine Pause und ist dieses Jahr mit dem Rapper Satoshi dabei, der seinem Land eine unpolitische Party-Hymne für den Nationalfeiertag schenkt. «Viva, Moldava!» ist leider etwas dürftig geraten. Und Israel? Die lassen sich nicht verunsichern und schicken den versierten Sänger Noam Bettan mit der Powerballade «Michelle» an den Contest. Ein Song, den er in hebräisch, französisch und englisch singt und ganz bestimmt in den vorderen Rängen landen wird.

Wer sind die Favoriten?

Wettbüros und Fans sind ähnlicher Meinung: Finnland, Dänemark, Frankreich, Israel und Schweden kommen in der ESC-Bubble gut an. Bei mir weniger.

Finnlands Beitrag «Liekinheitin», gesungen in ihrer nicht besonders hübschen Muttersprache, ist einfach ein bisschen zu viel des Guten. Pete Parkkonen singt sich mit entsprechender Gestik das Herz aus dem Leib und neben ihm steht Linda Lampenius mit wenig Glitzer-Stoff verhüllt in der Windmaschine und bringt ihre Violine zum Glühen. «Liekinheitin» heisst Flammenwerfer, also wird bestimmt bei ihrem Auftritt viel Pyrotechnik eingesetzt werden. Klassischer Eurovision-Trash.

Der Däne Søren Torpegaard Lund ist Musicaldarsteller; dass er queer ist, also nicht überraschend. Leider klingt sein Song «Før Vi Går Hjem» wie ein Lied, das Loreen abgelehnt hat, weil nicht gut genug. Sie haben sogar aus Loreens Siegersong «Euphoria» eine kurze Passage gesampelt (oder gestohlen?). Ausser dass der Song in dänisch gesungen wird und Søren auf der Bühne seine darstellerischen und tänzerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen kann, fehlt mir die Originalität, das Neuartige, das Aussergewöhnliche.

Ins Bombast-Horn bläst auch Schweden. Felicia ist so etwas wie eine Loreen mit Maske. Felicia leidet seit ihrer Kindheit unter sozialen Ängsten, und trägt deshalb mit Pailletten verzierte Gesichtsmasken. Bestimmt wird sie ihre Angst überwinden können und die Halle zum Kochen bringen, wenn sie mit ihrem Song «My System» auftritt. Der haut voll rein, doch schon nach 30 Sekunden war ich erschöpft und wollte nur noch, dass es aufhört.

Auch Eva Marija aus Luxenburg wirkt wie ein Loreen-Klon. Und wie bei den Finnen, kommt auch hier eine Geige prominent zum Einsatz. Leider ist ihr Song «Mother Nature» etwas öde.

Klassische Element im Pop sind derzeit en vogue. Wie das geht, ohne dabei peinlich zu wirken, hat Rosalia mit ihrem Hit «Berghain» vorgemacht. Nun findet Frankreich es eine gute Idee, nach den Gewinnersongs von Nemo und JJ, die beide dank Opernelementen den Sieg holen konnten, einen weiteres Lied an den Wettbewerb zu schicken, der diese Schiene fährt. «Regarde!» von der Sängerin Monroe, die eine Ausbildung in klassischem Gesang hat, ist klasse produziert und gesungen, jedoch ist es zu offensichtlich eine Kopie von «Berghain».

Switzerland & Italy

Veronica Fusaro an den Eurovision Song Contest zu schicken, ist eine gute Wahl von SRF. Der Thunerin wird damit eine Plattform geboten, sich einem grossen Publikum bekannt zu machen. Das Format um international Karriere zu machen, hat die Singer-Songwriterin. Doch ist ihr Song «Alice» ein Siegerlied? Es ist eine ausgewogene Komposition, eigenständig und zeitgemäss. Im Text greift sie das Thema häusliche Gewalt auf und wie man als aussenstehende Beobachterin solche empfindet und darauf reagiert. Sie hat den Song für ihr aktuelles Album «Looking for Connection» geschrieben. Es ist also kein Song, der speziell für den ESC produziert wurde. Das Berechnende geht im ab. Das ist gut. «Alice» ist ein wahrhaft persönliches Werk und sticht dadurch aus der Masse anbiedernden Songs heraus. Ob das Publikum sich darauf einlassen wird, steht aber auf einem anderen Blatt. Ich vermute, es wird ihr wie Zoë Më ergehen: viele Punkte aus der Jury, wenige vom Publikum.

Fast das Gegenteil von Fusaros «Alice» ist der Beitrag aus Italien. «Per sempre si» von Sal da Vinci springt einen mit seiner positiven Zugewandtheit förmlich an. Der Canzone klingt genauso, wie man sich eine Italo-Hit vorstellt. Zumindest wie so einer vor 40 Jahren klang. Der Song ist kitschig, trivial und schamlos gefällig. Der Sänger Sal da Vinci sieht dabei aus wie ein sympathischer Kellner mit etwas zu viel Schmiere im Haar und etwas zu weissen Zähnen. Dass er mit dieser tanzbaren Hochzeits-Schnulze das Sanremo Festival gewann, kam eher überraschend. Die Kritiker nörgelten, der Song sei altmodisch, banal, sogar reaktionär. Doch vielen Menschen ging es so wie mir, als ich seinen Auftritt in Sanremo sah. Ich habe mir schon beim zweiten Refrain in den Song verliebt und beim dritten gleich mitgesungen. Ja, es stimmt, der Song ist aus der Zeit gefallen. Doch das ist sein Charme und sticht deshalb aus der Masse des ESC-Einerleis heraus. Bei «Per sempre si» fühlt man sich gleich zuhause. Ja, da will ich bleiben, für immer! Ich glaube, auch das gesamteuropäische Publikum wird das Lied ins Herz schliessen. Es würde mich nicht überraschen, wenn der Sizilianer am Schluss den Pokal holt, auch wenn die Wettbüros ihn nur auf Platz 10 sehen. Ich bin Team Italy – 12 Points!

Euro Glam

Senhit ist ein ESC «Superstar». Immerhin schickt San Marino sie bereits zum dritten Mal an den Wettbewerb. Doch weil sie selbst weiss, dass Superstar vielleicht etwas hochgegriffen ist, was ihre eigene Bekanntheit anbelangt, holt sie einen an Bord, der dieses Attribut tatsächlich verdient hat: Boy George. Der Song «Superstar» ist gängiger Euro Pop und schnell vergessen. Ob die Präsenz von Boy George auf der Bühne in Wien darüber hinwegtäuschen kann, ist fraglich. Jedoch, Boy George in der ESC-Bubble, das wird bestimmt unterhaltsam.

Ein Superstar – in Australiern – ist Delat Goodrem. Die 41-Jährige ist Singer-Songwriter, Pianistin, Schauspielerin, Philanthropin, The Voice Jurymitglied, Buchautorin und ein eigenes Parfum hat sie auch noch, der meistverkaufte Duft in der australischen Geschichte notabene. Wenn Delat Goodrem also an den ESC kommt, wird nicht gekleckert, sondern geklotzt! «Eclipse» reiht sich als klassische Eurovision-Powerballade, mit weissem Flügel und Windmaschine, ins bekannte Muster ein. Originell ist das kaum, und wie ein aufdringliches Parfum, empfinde ich das eher als eine Zumutung.

Ach, ich würde es Malta gönnen, wenn sie endlich den Eurovision Song Contest gewinnen würden. Bereits zum 39. Mal sind sie dabei. Zwei 2. Plätze und ein 3. Platz waren bisher die besten Resultate für Malta. Dieses Jahr schickt der Inselstaat den unverschämt gutaussehenden Aidan an den Wettbewerb. Er hat schon einige Male versucht, das Ticket für den ESC zu erhalten. Endlich ist es ihm gelungen. Im Video zu seinem Song «Bella» zeigt Aidan seinen muskulösen Oberkörper, trägt seinen Schnauz und seinen Cowboyhut mit Stolz und singt mit Herz auf einem Meer von Rosen. Der Song ist eine kitschige Ballade mit fetten Streichern und schöner Melodie. Da es eine der wenigen Balladen am Wettbewerb ist, stehen seine Chancen gar nicht mal schlecht. Mir jedenfalls gefällt der Song. Oder bin ich einfach geblendet von seinem Look?

Wenn wir schon bei Schnauzträgern sind. Der Norweger Jonas Lovv trägt eine Freddie Mercury-Gedenk-Gesichtsbehaarung. Dazu zeigt er viel nackte Haut mit Tattoos und überzeugt mit einer Stimme, die es fast mit der von Freddie selig aufnehmen kann. Zudem ist Jonas Lovvs Performance voller Energie, Glam und einer gehörigen Portion Queerness. Auch wenn über seine sexuelle Orientierung nichts bekannt ist, Jones hält sein Privatleben aus er Öffentlichkeit raus, begeistert mich sein mitreissender Glamrock-Song «Ya Ya Ya». Ein persönlicher Favorit von mir.

Euro Klamauk

Klamauk am ESC ist erwünscht, denn es bringt dem Publikum Spass. Doch schön wäre, wenn der Fun einen auch musikalisch zum Lächeln bringt. In den letzten Jahren waren Beiträge, die man als eine Art Disco-Punk-Klamauk beschreiben könnte, beim Publikum sehr beliebt, auch wenn es für den Sieg nicht reichte. Beispielsweise «Cha Cha Cha» von Käärijä (Platz 2, 2023), «Rim Tim Tagi Dim» von Baby Lasagena (Platz 2, 2024) oder Tommy Cashs «Espresso Macchiato» (Platz 3, 2025). In diese Kerbe schlagen auch heuer einige Beiträge. So ist Armeniens Beitrag «Paloma Rumba» von Simón ein Club-Banger, der davon profitieren wird, dass Simón ein guter Tänzer ist, der Song selbst ist kein Profit. Den griechischen Beitrag möchte ich zwar nicht mehrmals hören, doch Akylas Song «Ferto», was so viel heisst wie «Bring es mir», macht Spass. Zudem ist der sympathische junge Mann offen schwul, was für Griechenland schon fast revolutionär ist. Er bringt uns bunte Queerness!

Dem einzigen, dem es gelingt, Fun und Sound zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden, ist der Österreicher Cosmó. Der 19-Jährige kann dabei auf seine jugendlich stürmische Energie zählen. «Tanzschein» lädt tatsächlich zum Tanzen ein. Dass er auf Deutsch singt, könnte sogar ein Vorteil sein, denn es wirkt irgendwie cool. Ich mag diesen Song und hoffe, dass er besser abschneidet, als von den Wettbüros prognostiziert.

Cool rüberkommen möchte auch der Brite Sam Battle, der bekannt ist als LOOK MUM NO COMPUTER. Vermutlich deshalb hat sein Song einen deutschen Titel: «Eins, Zwei Drei». Er ist bekannt dafür, sich seinen eigenen Synthesizer zusammengebastelt zu haben aus exzentrischen elektronischen Musikgeräten, wie beispielsweise einer Furby-Orgel, einem Game-Boy und dem kultigen Raleigh Chopper Fahrrad. Seinen selbstgebauten Synthesizer nennt er übrigens Kosmo. Mit diesem Kosmo hat er auch seinen Song für den ESC produziert. Ich finde, hätte er zusätzlich mit den österreichischen Sänger Cosmó zusammengearbeitet, wäre es noch besser geworden. Doch wer weiss, vielleicht finden die beiden in Wien zusammen, denn wie heisst das Motto des ESC in diesem Jahr passend? United by Music.

Dance your ass off!

Einen guten Song zu schreiben ist nicht einfach. Um kompositorische Mängel zu kaschieren, wird am ESC deshalb gerne auf Rhythmus und Tanz gesetzt. Um das Publikum zu blenden, werden Pyro, Strobo und aufwändige Kostüme verwendet.

Einen gewissen Coolness-Faktor bringt Essyla mit, die für Belgien auf dem Eis tanzt. «Dancing on Ice» kommt allerdings bei den Fans und in den Wettbüros nicht besonders gut an. Zypern scheint bessere Chance zu haben. Antigoni bei ihrem Song «Jalla» auf dem Tisch. Mit orientalischen Rhythmen wird sie die Hüften wackeln und die Haare schwingen. Denselben Oriental-Beat bringt uns auch Dara aus Bulgarien. Ein ESC-typischer Ethno-Techno Hammer namens «Bangaranga» – nicht schlecht. Auf eine gute Choreografie setzen muss allerdings Georgiens Beitrag «On Replay» von Bzikebi, denn nach erstem Hören wird man bestimmt nicht auf die Repeat-Taste drücken.

Als Ärgernis empfinde ich Deutschlands Beitrag. Das DSDS-Sternchen Sarah Engels singt «Fire», ein offensichtlicher Abklatsch von ESC-Hitsongs mit Latin-Groove wie «Fuegeo», «El Diablo» oder «She Got Me». Was mich ärger ist, dass es die Produzenten nicht geschafft haben «Fire» wenigstens etwas upzudaten. Noch ärgerlicher ist, dass es in Deutschland so viele gute Musikschaffende gibt, die Verantwortlichen es jedoch nicht schaffen, relevante Acts für die Show zu gewinnen. Schuld ist aber auch das deutsche Publikum, das dieser Billigware den Vorzug gab.

Düstere Langeweile

Was seit ein paar Jahren auffällt ist, dass viele ESC-Beiträge eher düster sind. Was angesichts der Weltlage nicht verwunderlich ist. Fröhliche und unbeschwerte Lieder sind eher selten am Wettbewerb geworden. Die grosse Ausnahme in diesem Jahr ist Italien.
So gibt es auch an der Eurovision 2026 viel Dystopisches und Dramatisches. Leider ist das oft eher langweilig, weil immer gleich aufgebaut. Es fängt bedächtig oder bedrohlich an und artet dann aus in treibende Beats und emotionalem Geschrei. Schwer zu ertragen.

Der typisch östliche Frauenchor kommt dieses Jahr aus Albanien. Dass der Sänger Alis bei er Performance angezogen ist wie der Priester einer Weltuntergangs-Sekte, macht die Nummer etwas unheimlich. Er singt allerdings nur darüber, dass er seine Mutter verlassen muss. Ich muss ihm zugutehalten, dass er ein sehr guter Sänger ist, der den mächtigen Chor eigentlich nicht nötig hat.
Nicht minder aufwühlend ist «Just Go» von Jiva, die für Aserbeidschan antritt. Auch bei ihr geht es ums Verlassen. Ebenfalls mit Frauenchor und einer Inszenierung, die an einen Hexenzirkel erinnert, präsentiert die Gruppe Lelek aus Kroatien ihr Lied «Andromeda». Eine Schwester im Geiste ist die Montenegrinern Tamara Živković. Sie bringt in «Nova Zora» harte Beats, einen Frauenchor und Lyrics, die Frauenstärke besingen.

Auf Gitarrengewitter und SM-Ästhetik setzt Alexandra Căpitănescu aus Rumänien; bei Nemo und JJ gestohlen hat sie auch noch. Aus der Metal-Szene kommt die serbische Band Lavina. Schwarze Klamotten, krachende Gitarren und drastischer Gesang. Das wird vielen gefallen. Ich sage: Nein Danke.
Laut singen kann auch Alicja aus Polen. «Pray» kann zu Beginn des Songs mit Gospel überzeugen. Leider driftet ihr Gebet für Frieden in schmetternde Belanglosigkeit ab. Daniel Žižka aus der tschechischen Hauptstadt Prag ist zwar ein hübscher Junge, und singen kann der 23-Jährige wie ein Weltmeister, doch seine übertrieben dramatische Ballade «Crossroads» konnte mich nicht packen.

Das Baltikum

Estland und Litauen sind seit den 90er-Jahren dabei, Lettland debütierte 2000 am Wettbewerb. Die Baltischen Staaten sind treue Teilnehmende und schneiden oft gut ab. Dieses Jahr schickt Estland die Rockband Vanilla Ninja an den Wettbewerb, die bereits 2005 teilnahm und damals für die Schweiz den 8. Platz holte. Das wird ihr diesmal nicht gelingen, weil ihr Song «Too Epic To Be True» zu harmlos ist, um siegreich zu sein. Langeweile breitet sich bei Lettlands Beitrag «Ēnā» aus, dagegen kommt auch Atvaras Powerstimme nicht an.

Hingegen interessant werden dürfte der Auftritt von Lion Ceccah aus Litauen. Der 34-Jährige hat einen Bachelor im Musiktheater und gilt als Mitbegründer der Drag-Kultur in seinem Land. Die Teilnahme am Eurovision Song Contest ist ein Traum von ihm. Schon vier (!) Anläufe hat er genommen, beim fünften ist es ihm endlich gelungen, das begehrte Ticket zu gewinnen. Sein Lied «Sólo Quiero Más» ist für die grosse Masse allerding etwas zu anspruchsvoll, da ist zu viel Kunstanspruch. Ganz in dunklem Silber gehüllt, singt er in seiner Muttersprache, in Spanisch, Englisch und Französisch über Angst und Schmerz, und dass er mehr will vom Leben, auch wenn wir in einer verrückten Welt leben. Ich finde ihn einen spannenden queeren Künstler und halte ein Auge auf ihn.

Die oft und die selten Erfolgreichen

Die Ukraine ist ein ESC-Liebling und oft erfolgreich am Wettbewerb. Die Acts aus diesem Land kommen beim Publikum gut an, und das nicht erst, seit sie von Russland angegriffen wurden. Also der Mitleidsfaktor ist nicht allein dafür verantwortlich. Immerhin holten sie schon dreimal den Sieg. So wird auch Leléka mit ihrem Song «Ridnym» bestimmt in den vorderen Rängen landen. Schon allein deswegen, weil sie in Wien den höchsten Ton des Abends singen wird.

Eine besonders herzliche Erwähnung verdient Portugal, das nur sehr selten Erfolg hat am Wettbewerb. Ich bewundere das Land dafür, dass es mit Songs am Wettbewerb antritt, die so gar nicht auf den allgemeinen europäischen Geschmack zielen, sondern bloss zeigen, was den Portugiesen selbst gefällt. Dieses Jahr treten sie mir fünf Männern an, die weder wütend, aggressiv, depressiv noch geil sind. Sie singen nur. Zwar nennen sie sich Bandidos do Cante, doch ein Verbrechen ist ihr Gesang bestimmt nicht. Es sind einfach ein paar Freunde, die ihre geliebte Volksmusik singen, der Cante Alentejano, der von der UNECO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. Ihr Song «Rosa» ist zurückhaltend instrumentiert, konzentriert sich auf den Gesang, mal im Chor mal Solo, jedoch immer stimmig. Die Gesangsbanditen schaffen im lauten und stürmischen Teilnehmerumfeld einen beruhigenden und beglückenden Rückzugsort. Für manche wird der Auftritt wohl eher langweilig sein, ich aber werde die 3 Minuten der leisen Töne geniessen.

Das Fazit

Aus musikalischer Sicht ist der ESC-Jahrgang 2026 kein guter. Da ist zu viel Kalkül, zu wenig Impulsivität. Klar, die Länder haben nur 3 Minuten, um das Millionenpublikum zu beeindrucken. Also packen sie in diese kurze Zeit alle erfolgsversprechenden Pop-Elemente rein, die am Wettbewerb schon mal funktioniert haben. Das führt dazu, dass es einen vorkommt, alles schon mal gesehen und gehört zu haben. Innovation und Eigenständigkeit sucht man vergebens. Bis auf wenige Ausnahmen. Dazu gehören Veronica Fusaro, die sich als fähige Songwriterin präsentiert, und die Jungs aus Portugal, die nicht Imitation, sondern Tradition zeigen. Doch beide werden vom Publikum vermutlich ignoriert werden. Der kurze Kick scheint das Einzige zu sein, was am ESC zählt. So werden an der Eurovision nur One-Hit-Wonder produziert, statt dass die Länder die grosse Bühne nutzen, um ihren Acts die Chance zu geben, sich zu profilieren, um nachhaltig im Musikbusiness Fuss zu fassen. Der Eurovision Song Contest verkommt so zu einem Sport-Event, statt zu einem musikalischen Get-together.

Die höchste Gewinnchance hat laut den Wettbüros und den verschiedenen Polls in der ESC-Bubble der finnische Beitrag «Liekinheitin» von Pete Parkkonen und Linda Lampenius. Finnland könnte 20 Jahre nach Lordi den Contest zum zweiten Mal gewinnen. Für mich wäre der Sieg dieses um Aufmerksamkeit buhlenden Songs, der alle ESC-Klischees bedient, eine Enttäuschung. Wenn schon triviale Klischees bedient werden, dann bitte so charmant und altmodisch, wie sie der Sizilianer Sal da Vinci präsentiert. Es wäre für viele Experten vermutlich eine grosse Überraschung, wenn «Per sempre si» gewinnen würde. Doch ich habe eine Vorahnung, dass in unserer so instabilen und verwirrenden Zeit ein Lied, das so harmlos und berechenbar ist, genau der richtige Song ist. Wir werden es sehen. Am 12., 14. und 16. Mai live aus Wien übertragen auf deinen heimischen TV-Bildschirm.

Welche Songs gefallen dir? Wer ist dein Favorit? Was findest du besonders grässlich? Schreib uns deine Meinung zu den ESC-Songs 2026 in die Kommentare unten.


Alle 35 Song im Schnelldurchlauf

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