Queer Joy – 30 Jahre QUEERSICHT

LGBTQIA+ Filmfestival Bern 5. bis 11. November

Das queere Filmfestival QUEERSICHT feiert sein 30-jähriges Jubiläum mit einem vielfältigen Programm: langen und kuzen Filmen, einem Blick zurück auf die Festivalgeschichte mit einer Ausstellung, Podiumsgesprächen und einer rauschenden Geburtstagsparty.

30 Jahre queeres Kino in Bern! QUEERSICHT feiert Geburtstag und beschenkt sein Publikum mit einem besonders umfangreichen Programm. Geschichten voller Liebe, Lust und Lebensfreude, aber auch über Ausgrenzung, Widerstand und den Kampf um Selbstbestimmung. Und natürlich wird ausgiebig gefeiert!

30 Jahre – was hat sich verändert?

QUEERSICHT ist ein LGBTQIA+ Filmfestival das 1996 gegründet wurde, und deshalb das älteste queere Filmfestival der Schweiz. Im Gründungsjahr war queeres Leben im Kino noch weitgehend unsichtbar. Heute sind queere Figuren auch in grossen Filmproduktionen auf Streamingplattformen angekommen. Doch bedeutet mehr Sichtbarkeit auch mehr Akzeptanz?

Beim Stöbern in den Festivalarchiven stellte das Organisationsteam fest, dass viele Diskussionen erstaunlich vertraut klingen. Schon damals ging es um Klischees, gesellschaftliche Vorurteile und die Frage, ob es überhaupt ein eigenes queeres Filmfestival braucht. Die Antwort ist auch 30 Jahre später eindeutig: Ja, unbedingt!

Eine kleine Jubiläumsausstellung im queerfeministischen Raum der Reitschule lässt die Geschichte des Festivals aufleben. Alte Plakate, Programmhefte, Zeitungsartikel und ein eigens produzierter Dokumentarfilm laden zu einer nostalgischen Zeitreise ein.

Queere Filmperlen aus aller Welt

42 Langfilme aus 20 Ländern und zahlreiche Kurzfilme umfasst das diesjährige Programm. Zwei Schwerpunkte setzen besondere Akzente: «Dekoloniale Perspektiven» hinterfragt koloniale Vorstellungen von Identität, Körper und Gesellschaft. «Von Provinz-Tunten und Krawall-Lesben – Pioniere des queeren Berner Films» erinnert an die lokale queere Filmgeschichte. Wir haben für euch ein paar Highlights herausgepickt.

Eröffnet wird QUEERSICHT am Donnerstag, 5. November im Kino ABC mit dem brasilianischen Film «Feito Pipa». Der elfjährige Gugu liebt Fussball, Glitzer und seine Grossmutter Dilma. Bei ihr darf er sein, wie er ist. Doch als Dilma zunehmend vergesslich wird, gerät seine heile Welt ins Wanken. Regisseur Allan Deberton erzählt in seinem berührenden Film nicht nur von einem queeren Kind, sondern auch von Familie, Fürsorge und dem Recht, sich frei zu entfalten. Der Film feierte bei der Berlinale Premiere und gewann dort in der Sektion Generation den Gläsernen Bären.

Mit «Barbara Forever» wird eine Pionierin des lesbischen Filmschaffens gewürdigt. Barbara Hammer revolutionierte ab den 1970er-Jahren mit ihrer Super-8-Kamera das queere Kino. Der Dokumentarfilm von Brydie O’Connor erzählt von ihrer Kunst und ihrem kompromisslosen Leben. Der Film wühlt im Archiv von Barbara Hammer: Sex, Liebe, Krankheit, Kampf, alles drin. Eine Doku über eine Frau, die zwischen Selbstverwirklichung und Konsens balanciert. Lasst euch von der Dyke-Poesie berühren!

«Feito Pipa», «Manok», «Uchronia» und «Barbara Forever»

Um seinen Film «Uchronia: Parallel histories of queer revolt» persönlich vorzustellen, kommt der griechische Filmemacher Fil Ieropoulos nach Bern. Am Sonntag, 8. November wird er um 13 Uhr im Lichtspiel seinen psychedelischen Doku-Essay zeigen, der von Rimbauds «Une Saison En Enfer» inspirierter ist. Des Dichters Geist reist durch die Geschichte, um Revolutionären und queeren Freaks zu begegnen. Eine Collage queerer Möglichkeiten in einem kompromisslosen politisch-philosophischen Poetry Slam ohnegleichen.

Der Film «Manok» von Yujin Lee aus Südkorea zeigt eine queere Midlife-Rebellion. Seit zwanzig Jahren führt Manok eine Lesbenbar in Seoul, doch die junge Szene wendet sich zunehmend von ihr ab. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt sie in ihr konservatives Heimatdorf zurück. Dort trifft sie auf Vorurteile und Ablehnung – sowie auf ihren homophoben Ex-Mann, der ausgerechnet Bürgermeister ist. Als sie erfährt, dass seine Amtszeit endet, beginnt Manok eine impulsive Gegenkampagne, getragen von Trotz, Humor und Herz. Es ist eine furchtlose, witzige und bewegende Komödie über Gemeinschaft und Standhaftigkeit in Zeiten des Wandels.

«Downtown» von Michiel van Erp entführt uns ins Amsterdam der 80er-Jahre: Drei Freunde geniessen das schwule Nachtleben – bis die Aidskrise alles verändert. Jahrzehnte später gibt es eine überraschende Begegnung. 1986 lernen sich Ronnie und Lennart im Club Downtown kennen, wo Ronnie als DJ auflegt. Später kommt Bas dazu – das Trio ist unzertrennlich, und Lennart und Bas ziehen sogar zusammen. Eines Tages verschwindet Bas einfach, ohne ein Wort zu hinerlassen. Jahre später trifft Ronnie ihn zufällig in der U-Bahn und lädt ihn zum Essen ein. Was als gemütlicher Abend geplant war, wird zu einer Reise voller Geschichten mit gemischten Gefühlen.

«La bola negra», «Downtown» und «Jimpa»

Im Filmdrama «Jimpa» von Sophie Hyde treffen drei Generationen aufeinander: Eine Mutter besucht mit ihrem nicht-binären Kind den schwulen Grossvater in Amsterdam. Eine berührende Geschichte darüber, wie sich queeres Leben verändert hat und wie unterschiedlich Generationen damit umgehen. Zudem ein Genuss, weil die Regisseurin mit Olivia Colman und John Lithgow zwei herausragende Schauspielende engagierte.

Ein besonderes Highlight ist die Vorpremiere von «La bola negra». Der spanische Film erzählt von drei Männern in unterschiedlichen Epochen, deren Schicksale durch Begehren, Schmerz und verborgene Familiengeschichten miteinander verbunden sind. Inspiriert wurde die Geschichte unter anderem von einem unvollendeten Werk des schwulen Dichters Federico García Lorca. Hinter dem Film stehen Javier Calvo und Javier Ambrossi, die in Spanien als Regieduo «Los Javis» bekannt sind. Mit queeren Serien wie «Veneno» haben sie sich international einen Namen gemacht. «La bola negra» feierte im Mai 2026 seine Weltpremiere im offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Dort wurden die beiden mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet, den sie sich mit dem polnischen Regisseur Paweł Pawlikowski teilten. Zum prominenten Ensemble gehören unter anderem der spanische Sänger Guitarricadelafuente, Penélope Cruz und Glenn Close.

bern.lgbt präsentiert ein Stück schwule Berner Geschichte

Besonders freuen wir uns, zwei legendären Dokumentarfilm präsentieren zu dürfen: «Zwätschgegrill» und «Katzenball». «Zwätschgegrill» von 1984 führt zurück in eine Zeit, als das Männerabteil im Freibad Marzili, der sogenannte «Bueber», ein beliebter Treffpunkt für schwuler Männer war und so den Übername Zwätschgegrill erhielt. «Zwätschge» war damals unter schwulen Männern die übliche Bezeichnung für Tunte. Und weil eben das Männerbad im Marzili in diesem Film eine grosse Rolle spielte, bekam er den Titel «Zwätschgegrill» und als Untertitel «Der gehörige Abstand zwischen den Badetüchern». Mit viel Freizügigkeit, Witz und einer gehörigen Portion Provokation zeigt er ein Stück schwuler Berner Kulturgeschichte, das nicht in Vergessenheit geraten darf. bern.lgbt ist stolz, diese filmische Rarität unterstützen zu dürfen!

«Zwätschgengrill» und «Katzenball»

Unter dem Schwerpunktthema «Von Provinz-Tunten und Krawall-Lesben – Pioniere des queeren Berner Films» wird auch der Dokumentarfilm «Katzenball» von Veronika Minder aus dem Jahr 2005 gezeigt. Besonders empfehlen wir den Film der jüngeren Generation, denn die Alten haben ihn schon X-mal gesehen oder die Zeit gar miterlebt. Baby-Queers werden beim «Katzenball» erfahren, wie Lesben früher zu ihren Dates kamen, was damals anders war und was heute immer noch gleich ist. Queer Herstory aus der Schweiz. Die Regisseurin selbst ist geschichtsträchtig, denn sie war Mitbegründerin von QUEERSICHT.

Kurz, queer und überraschend vielfältig

Auch die Kurzfilme haben bei QUEERSICHT ihren festen Platz. Gleich neun abwechslungsreiche Filmblöcke laden zu einer Entdeckungsreise ein. Da gibt es animierte Geschichten zwischen schrägem Humor und grossen Gefühlen, berührende Familiengeschichten, schwule «Gay-Longs» und gruselige «Kurze Schocker». Sportlich wird es bei den «Sportlichen Shorts» mit Handball, Fussball, Fechten und sogar lesbischem Schlamm-Wrestling. Wer es etwas freizügiger mag, kommt beim beliebten Porno-Block auf seine Kosten.

Natürlich darf auch der traditionelle Kurzfilmwettbewerb «Rosa Brille» nicht fehlen. In drei Wettbewerbsblöcken entscheidet das Publikum, welche Filme die begehrten Preise gewinnen. Zum Jubiläum gibt es ausserdem ein besonderes Best-of mit ausgezeichneten Kurzfilmen aus den vergangenen 30 Jahren.

Diskutieren, kennenlernen und feiern

QUEERSICHT ist mehr als Kino. Drei Podiumsgespräche befassen sich mit queeren Schauspielenden, dekolonialen Perspektiven und dem Älterwerden als queerer Mensch. Dazu kommen Speed-Friending, ein veganes Sonntagsbrunch-Buffet, ein Jubiläumsmuseum und die gemütliche Festival-Lounge im Kino REX.

Der grosse Höhepunkt steigt am Samstag, 7. November, ab 22 Uhr im Dachstock der Reitschule. An der offiziellen QUEERSICHT-Geburtstagsparty sorgen Disco Shorley, knabber_hans, unnova & Popy Caste und 36birds für Musik und Tanz. Um Mitternacht wartet eine Drag-Performance mit Überraschung.

Und wer vom Tanzen eine Pause braucht, darf gleich weiter ins Kino: Das Partyticket berechtigt auch zum Besuch des «Rosa Brille»-Best-of mit preisgekrönten Kurzfilmen aus 30 Jahren Festivalgeschichte.


QUEERSICHT – 5. bis 11. November 2026, Bern.
Programm und Tickets: www.queersicht.ch

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