
DJ Coreys MusikTipps November 2026
Mylène Farmer, Angèle, Teddybear, Barbicop, Kabbel, La Roux, Metteson, Tokio Hotel, Greta van Fleet, Bruno De Sá
MYLÈNE FARMER fördert den kollektiven Zusammenhalt. ANGÈLE folgt ihrem Instinkt. TEDDYBEAR setzt Zeichen gegen toxische Männlichkeit. Queerer Hyperpop aus der Westschweiz: Barbicop. Der queere Sadcore-Pop von KABBEL. Das Comeback der queeren Synth-Popperin LA ROUX. Der queere Drama-Pop von METTESON. Der schwule Bruder in der Band: TOKIO HOTEL und GREETA VAN FLEET. Männlicher Sopran: BRUNO DE SÁ.
MYLÈNE FARMER
ÉGRÉGORE (Stuffed Monkey / Sony)
Auf ihrem 13. Studioalbum «ÉGRÉGORE» zementiert Mylène Farmer ihren Status als grösste LGBTQ-Ikone im französischsprachigen Raum. Sie nutzt den Begriff Egregor aus der okkulten Lehre als Metapher für den kollektiven Zusammenhalt. In einer Zeit von gesellschaftlicher Spaltung, Krisen und Ängsten kreiert Mylène Farmer neue verbindende, schützende Hymnen für alle, die von der Norm abweichen und sich diskriminiert fühlen. Mit ihrer typischen gehauchten (Kopf-)Stimme vertraut sie in der Macht queerer Clubs als sichere Zufluchtsorte. Obwohl ihr langjähriger Partner Laurent Boutonnat an diesem Album nicht beteiligt war, kommen die französischen DJs und Produzenten DJ Lewis und DJ Snake sowie Moby dessen musikalischem Universum, einem Mix aus pulsierenden Club-Beats, düsteren orchestralen Soundtracks und Klassik, doch ziemlich nahe.
ANGÈLE
Instinct (GGL Records)
Bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 2024 in Paris sang Angèle gemeinsam mit der Indie-Pop-Band Phoenix und dem leider letzten Juli verstorbenen Elektro-Produzenten Kavinsky eine neue Synthwave-Version seines legendären Tracks «Nightcall». Dieser Auftritt war ein entscheidender Katalysator für Angèles radikale Kehrtwendung in Richtung Electro, Hyper Pop und French Touch. Auf «Instinct» erfindet sich die belgische Künstlerin musikalisch neu, ohne dabei die Leichtigkeit ihrer Pop-Alben komplett zu verleugnen. Die Kollaborationen mit Szenegrössen Justice und Soulwax gehören zu den absoluten Highlights des Albums. Ebenfalls grandios ist «Love Triangle», auf welchem Angèle mit dem French-Touch-Produzent SebastiAn und der genialen Caroline Polachek ihre Bisexualität zelebriert und zum flotten Dreier einlädt.
TEDDYBEAR
Le Plus Beau (Ceinture Rose Records)
Mit dem autobiographischen Chanson «Chaussures roses» ist der 24-jährige Jules Sinta alias TeddyBear in wenigen Monaten zu einer der spannendsten neuen Figuren der belgischen Popmusikszene avanciert. Darin erzählt er, wie seine Oma ihm versehentlich rosarote Schuhe geschenkt hat und er sie trotz Angst vor Vorurteilen mit Stolz getragen hat. Auf seinem Debüt «Le Plus Beau» setzt sich TeddyBear für Selbstakzeptanz ein und rebelliert gegen traditionelle Rollenbilder und toxische Männlichkeit. Er bricht bewusst mit dem Image des «harten Kerls», um Raum für Gefühle, Ängste und Schwächen zu schaffen. Mit seiner radikalen Ehrlichkeit und seiner Verbindung aus klassischem französischem Chanson, modernem Pop, Rap-Einflüssen und elektronischen Texturen rückt TeddyBear in die gleiche Liga von Ausnahmekünstlern wie Stromae, Jacques Brel und Eddy de Pretto. «Le Plus Beau» ist die frankophone Perle des Herbstes.
Barbicop
BOMBE SUR LE GROUPE CHAT (Irascible Records)
Hinter Barbicop verbirgt sich die Westschweizer Musikerin mit US-amerikanischen Wurzeln Madeleine Sandri. Das Projekt Barbicop hat sie vor etwa 5 Jahren in Berlin im Umfeld der queeren Hyperpop-Szene ins Leben gerufen. Nach zwei EPs in englischer Sprache wechselt Barbicop auf ihrem Debüt «BOMBE SUR LE GROUPE CHAT» ins Französische. Ihr Anliegen ist es, eine uncoole Popstar-Kunstfigur zu erschaffen, die zu ihrer Unbeholfenheit, Verletzlichkeit und Widersprüchlichkeit steht. Mit ihrem Hyperpop mit Elementen aus Lo-Fi, Clubkultur, Techno und EDM thematisiert Barbicop persönliche Unsicherheiten auf dem Dating-Markt wie unerwiderte Crushes, gescheiterte Flirtversuche und andere Peinlichkeiten. Auch in queerer Hinsicht, wie z.B. auf der famosen Single «gênant».
KABBEL
WHEN THE WAR IS OVER (MUSIC OF THE VOID)
KABBEL ist der Künstlernamen des französischen Musikers, Sängers und Produzenten Gregory Hoepffner, der zwischen Paris und Göteborg lebt und arbeitet. Seit 15 Jahren ist er in der Undergroundszene mit verschiedenen Projekten aktiv. Als KABBEL steht er allein im Rampenlicht. Seinen Sound beschreibt KABBEL zutreffend als eine Mischung aus Queer Sadcore, Industrial Pop, melodiösem Synth-Pop und Electronic Darkwave. Auf dem Debüt «WHEN THE WAR IS OVER» entfesselt KABBEL seine «Pop-Dämonen» und kombiniert eingängige Melodien mit harten Industrial-Spielereien und Gitarrenriffs. Die Einflüsse von Kavinsky, Daft Punk sowie sinnlichem 80s-Pop und den elektronischeren Werken von Nine Inch Nails sind gut spürbar.
LA ROUX
Old Flames (Universal)
Mit dem gleichnamigen Debütalbum und den Hit-Singles «In For The Kill», «Quicksand» und «Bulletproof» schufen Elly Jackson und Ben Langmaid alias La Roux 2009 den grossen Durchbruch. Ihr Signatursound bestand in einer persönlichen Interpretation des 80’s-Pop von Acts wie Soft Cell, Yazoo, Depeche Mode und Eurythmics. Obwohl Jackson damals eine grosse Pop-Karriere prophezeit wurde, konnte die rothaarige Musikerin mit dem Erfolgsdruck nicht umgehen. Ein Nervenzusammenbruch, ein Stimmverlust und die Trennung von Langmaid zwangen sie, längere Auszeiten zu nehmen. Auf ihrem vierten in Alleinregie entstandenen Album «Old Flames» übernimmt La Roux die komplette kreative Kontrolle. Ihr elektronischer Power-Pop ist immer noch stark von 80’s Pop und Funk geprägt und dient ihr als Vehikel, um das Ende ihrer 17-jährigen Beziehung und ihre späte auADHD-Diagnose (Autismus und ADHS) zu verarbeiten.
METTESON
Gifts From Heaven (Metteson)
Der offen schwule norwegische Sänger, Songwriter und Schauspieler Sverre Breivik heisst auf der Bühne schlicht Metteson, eine liebevolle Hommage an seine Mutter Mette. Auf seinem zweiten Album «Gifts From Heaven» bleibt Metteson seinem theatralischen und melodramatischen Synth-Pop meistens treu, überrascht jedoch mit ein bisschen mehr Zurückhaltung und Exkursionen in beinahe sakrale Indie-Folk-Gefilde. Abgesehen vom dunklen Club-Track «Firebird» liefert Metteson mit seiner wandlungsfähigen und himmlischen Stimme ein hochemotionales Werk mit intensiven Songs, wo er sein Herz auf der Zunge trägt.
TOKIO HOTEL
ENCORE (Tokio Hotel, BELIEVE)
Durch ihren erfolgreichen Spotify-Podcast «Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood» ihre Netflix-Reality-Serie «Kaulitz & Kaulitz» und Juror-Jobs (wie bei The Voice of Germany) sind die Kaulitz-Brüder in den Medien omnipräsent. Bevor ihr Status als High-Society-Influencer und ihr exzentrischer Lifestyle ihre Musik-Karriere zu überschatten droht, reaktivieren die Kaulitz-Brüder pünktlich zum 20.-jährigen Jubiläum ihre Band Tokyo Hotel. Auf ihrem 7. Album «Encore» steht zur Überraschung nicht Glamour im Vordergrund, sondern handwerklich solider, nostalgischer Stadion-Pop-Rock, der in den 90er- und Nuller-Jahre ohne Probleme im Radio gelaufen wäre.
GRETA VAN FLEET
Palace for the People (Republic/Universal)
Die Band Greta Van Fleet besteht aus den Brüdern Josh, Jake und Sam Kiszka (Gesang, Gitarre und Bass) und dem besten Freund der Familie Danny Wagner (Schlagzeug). Seit Frontmann Josh Kiszka im Jahr 2023 seine Homosexualität öffentlich machte, wurde der Classic Rock um eine neue queere Stimme bereichert, die den theatralischen Falsett-Gesang mühelos beherrscht. Auf «Palace for the People» zeigen sich Greta Van Fleet sehr abwechslungsreich und bestechen mit komplexen Songstrukturen und dynamischen Tempo- und Rhythmuswechseln. Sie vermählen gekonnt Hardrock mit Grunge, Psychedelic Rock, Folk und Pop. Insbesondere in der ruhigen und emotionalen Ballade «Boughten Bliss» kann Josh Kiszka seine verletzlichste und reifste Performance geben.
BRUNO DE SÁ
Uyaras : The Enchanted Voice (Érato)
Der brasilianische und seit 2020 in Berlin ansässige Sopranist Bruno de Sá gilt in der Opernwelt als absolute Sensation. Seine Stimme hat sich beim Stimmbruch nicht wie üblich verändert. Im Unterschied zu den Countertenören nutzt ein Sopranist seine natürliche Kopf- und Bruststimme und singt nicht im klassischen Falsett. Bruno de Sá beschreibt sich selbst als «Mischwesen» mit einem Männerkörper und einer Frauenstimme, spielt bewusst mit geschlechtlicher und künstlerischer Ambivalenz und kämpft für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz für männliche Sopranisten. Auf seinem neuen Album «Uyaras», inspiriert von der Mythologie der Meerjungfrauen, beeindruckt Bruno De Sás Stimme durch unglaubliche Koloraturen und makellose Virtuosität. Das ausgewählte Repertoire weist eine breite stilistische Palette auf, die von spätromantischen Opernarien über brasilianische Folklore bis zu Broadway-Klassikern reicht.
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