Country, Pop, Rock und ein bisschen Drama: In den kommenden Monaten stehen erstaunlich viele queere Musiker*innen auf Schweizer Bühnen: Calum Scott, Brandy Clark, LP, Placebo, MNEK, Emeli Sandé und viele mehr.
Die Konzertsaison läuft. Angeblich kommen Musiker*innen besonders gerne in die Schweiz – sicher nicht nur wegen unserer schönen Berge. Mit Platten und Streams lässt sich heute deutlich weniger verdienen als früher. Livekonzerte sind deshalb umso wichtiger. Also: Runter vom Sofa und ab vor die Bühne! Besonders dann, wenn queere Künstler*innen darauf stehen. Sie verdienen nicht nur Applaus, sondern auch unsere Unterstützung.
Baloise Session: Queere Stimmen in Basel
Die Baloise Session serviert auch dieses Jahr wieder eine ziemlich wilde Mischung aus Soul, Pop, Rock, Blues und Funk. Zu den Höhepunkten gehören bestimmt die beiden Auftritte von Nile Rogers, dem Mastermind von Chic. Denn wer jemals an einer Queer-Party war, hat bestimmt schon zu einem Song von ihm getanzt – wir sagen nur «We Are Family»! Bei der Lektüre des Programms der Baloise Session sind wir bei zwei Namen besonders hellhörig worden: Calum Scott und Brandy Clark.
Calum Scott – Coming-out mit ganz grossen Gefühlen
Manchmal ist eine Castingshow eben doch für etwas gut. Calum Scott wurde durch «Britain’s Got Talent» bekannt. Gewonnen hat er zwar nicht. Dafür bekam er einen Plattenvertrag und landete mit seiner Version von «Dancing On My Own» einen Welthit. Spätestens mit «You Are The Reason» war klar: Dieser Mann weiss ziemlich genau, wie man Herzen zum Schmelzen bringt.
Scott ist schwul und spricht heute offen über sein Coming-out. Besonders persönlich wurde es mit «No Matter What». Darin verarbeitet er die Angst davor, seiner Familie zu sagen, dass er Männer liebt – und die Reaktion seiner Mutter, die ihm schlicht versicherte, dass sie ihn liebt. Das Lied wurde 2018 auch zu seinem öffentlichen Coming-out. Später folgte mit dem deutschen DJ Felix Jaehn «Love on Myself». Der Titel sagt eigentlich schon alles: Selbstliebe statt Selbstzweifel. Klingt einfach. Ist es bekanntlich nicht immer.
Calum Scott – Mittwoch, 21. Oktober 2026, Baloise Session, Event Halle Messe Basel.
Brandy Clark – Country kann sehr wohl lesbisch
Bevor Brandy Clark selbst ins Rampenlicht trat, schrieb sie Songs für andere. Und nicht für irgendwelche anderen: Miranda Lambert, Sheryl Crow und LeAnn Rimes gehören zu den Namen auf ihrer Liste. Lange war Clark allerdings überzeugt, dass eine offen lesbische Frau kaum Chancen auf eine grosse Country-Karriere habe. Ausgerechnet ihr schwuler Songwriter-Kollege Shane McAnally redete ihr diesen Unsinn aus. Zum Glück. Später kam eine weitere queere Country-Grösse ins Spiel: Brandi Carlile produzierte Clarks selbstbetiteltes Album. Inzwischen gehört Clark selbst zu den wichtigsten offen lesbischen Stimmen des amerikanischen Country. Und es geht weiter: Im Januar 2027 erscheint ihr neues Album «The Bird». Vielleicht lässt sie in Basel schon ein paar neue Vögel aus dem Käfig.
Brandy Clark – Dienstag, 3. November 2026, Baloise Session, Event Halle Messe Basel.
Brandi Carlile: Die Königin des queeren Country
Brandi Carlile ist derzeit wohl einer der grössten offen lesbischen Stars der amerikanischen Musikszene. Elf Grammys stehen inzwischen im Regal. Dazu kommen Emmy-Auszeichnungen, eine Oscar-Nominierung, ein Nummer-eins-Bestseller und eine Karriere als Produzentin. Andere wären mit der Hälfte schon ziemlich beschäftigt. Vor allem aber hat Carlile eine Stimme, bei der selbst hartgesottene Menschen plötzlich verdächtig oft blinzeln.
Queeres Leben ist bei ihr keine Fussnote. Carlile lebt mit ihrer Frau Catherine Shepherd und ihren beiden Kindern und setzt sich seit Jahren für LGBTQ-Rechte ein. Gemeinsam mit Catherine nahm sie auch den Indigo-Girls-Klassiker «Closer To Fine» für den «Barbie»-Soundtrack auf. Queere Familienangelegenheit, sozusagen.
Musikalisch spielt Carlile längst in der obersten Liga. Zuletzt erfüllte sie sich mit Elton John einen Kindheitstraum. Gemeinsam nahmen die beiden das Album «Who Believes in Angels?» auf. Doch nun steht wieder Carliles eigene Musik im Zentrum. Mit «Returning To Myself» und der dazugehörigen «The Human Tour» kommt sie endlich wieder in die Schweiz. Für den Schweizer Termin braucht es allerdings noch etwas Geduld. Das ursprünglich für Herbst geplante Konzert wurde ins Frühjahr verschoben.
Brandi Carlile – Mittwoch, 31. März 2027, 20 Uhr, The Hall, Dübendorf.
Grosse queere Popstars: Zürich bekommt Besuch – und Bern auch
Der November wird in Zürich ziemlich queer. Innerhalb weniger Tage stehen LP, Placebo, Tokio Hotel und MNEK auf der Bühne. Und im März darf dann auch Bern mitspielen beim Empfang eines internationalen Popstars.

LP – Ein Ohrwurm namens «Lost on You»
Hat mensch «Lost on You» einmal gehört, wird man den Song so schnell nicht wieder los. Beschwerden bitte direkt an LP richten. Hinter dem Künstlernamen steckt Laura Pergolizzi. Bevor LP selbst zum Popstar wurde, schrieb das Multitalent Songs für andere. Cher, Rihanna, Céline Dion, Christina Aguilera und die Backstreet Boys gehören zur durchaus illustren Kundschaft. Dann kam «Lost on You». Der Song wurde zum internationalen Hit und LP plötzlich selbst zum Star. Queerness versteckt LP dabei nicht hinter irgendwelchen geschlechtsneutralen Liebesfloskeln. Frauen, Beziehungen und Begehren dürfen in Songs und Videos sichtbar sein. Eigentlich selbstverständlich. Im Popgeschäft leider noch immer nicht ganz.
LP – Sonntag, 8. November 2026, 20 Uhr, Komplex 457, Zürich.
Placebo – Seit 30 Jahren schön unangepasst
30 Jahre Placebo. Wer damals schon dabei war, darf jetzt kurz überprüfen, ob irgendwo ein graues Haar gewachsen ist. Brian Molko, Stefan Olsdal und ihre Bandkollegen brachten in den 1990ern etwas auf die Rockbühnen, das dort erstaunlich selten zu sehen war: Androgynität, Bisexualität, Homosexualität und eine grosse Lust daran, Geschlechterrollen kräftig durcheinanderzuwirbeln.
Frontmann Brian Molko ist bisexuell, Stefan Olsdal schwul. Schon der frühe Hit «Nancy Boy» spielte provokativ mit Sexualität und Männlichkeit. Dass Molko dazu mit Make-up, Kleidern und lackierten Fingernägeln auftrat, machte Placebo für viele queere Jugendliche zu einer Band, bei der Anderssein plötzlich ziemlich cool aussah. Auf der «30th Anniversary Tour» stehen die frühen Jahre im Mittelpunkt. Die Songs von Placebo dürfen also ordentlich gefeiert werden.
Placebo – Mittwoch, 4. November 2026, 20 Uhr, Hallenstadion Zürich.
Tokio Hotel – Ja, die machen tatsächlich noch Musik
Ach, die machen ja auch noch Musik! Man könnte es fast vergessen. Tom Kaulitz begegnet uns regelmässig im Umfeld seiner Frau Heidi Klum. Sein Zwillingsbruder Bill wiederum liefert der Klatschpresse zuverlässig Geschichten über Mode, Männer und mehr oder weniger erfolgreiche Dates. Aber Tokio Hotel ist keineswegs nur ein Relikt aus der «Durch den Monsun»-Ära. Schon als Teenager brachte Bill Kaulitz mit Make-up, wilden Frisuren und einem sehr eigenen Modegeschmack die traditionelle Vorstellung davon durcheinander, wie ein männlicher deutscher Popstar auszusehen habe. Heute spricht er offen über sein Liebesleben und Beziehungen mit Männern. Sind deshalb auch die Songs von Tokio Hotel queer? Nicht unbedingt. Meist geht es ziemlich universell um Liebe, Sehnsucht, Freiheit und Einsamkeit. Queer ist eher die Haltung dahinter: Bill Kaulitz hatte schon früh wenig Lust darauf, sich in die Schublade zu stecken, die andere für ihn vorgesehen hatten. Auf der «Arena Tour 2026» gibt es alte Hits und neue Songs. Und «Durch den Monsun» vermutlich sowieso. Alles andere wäre dann doch gemein.
Tokio Hotel – Dienstag, 10. November 2026, 20 Uhr, Hallenstadion Zürich.
MNEK – Schwarz, schwul und verdammt guter Pop
Vielleicht kennt nicht jede*r den Namen MNEK. Seine Musik aber ziemlich sicher. Der britische Sänger, Songwriter und Produzent arbeitete mit Beyoncé, Dua Lipa, Madonna und Little Mix. Gemeinsam mit Joel Corry landete er mit «Head & Heart» einen Nummer-eins-Hit in Grossbritannien.
MNEK ist schwarz und schwul und spricht sehr offen darüber, was es bedeutet, gleich mehreren Minderheiten anzugehören. Diese Perspektive findet sich auch in seiner Musik. Im Video zu «Tongue» etwa steht das Begehren zwischen Männern ganz selbstverständlich im Mittelpunkt. Kein verschämter Blick, kein Alibi-Heteropaar.
Damit nicht genug: MNEK engagiert sich auch hinter den Kulissen. Mit Songwriting-Camps unterstützt er LGBTQ-Nachwuchstalente und schafft Räume, in denen queere Musiker*innen zusammenarbeiten können. Jetzt kommt er ins angenehm kleine Exil in Zürich. Näher kommt man einem internationalen Popstar in Zürich vermutlich selten.
MNEK – Mittwoch, 25. November 2026, 20 Uhr, Exil Zürich.
Emeli Sandé – Spät geoutet, endlich angekommen
«Next To Me», «Read All About It», «Clown»: Wer in den letzten 15 Jahren gelegentlich Radio gehört hat, ist Emeli Sandé kaum entkommen. Mit ihrem Debütalbum «Our Version of Events» wurde die Schottin zu einem der grossen Namen des britischen Pop. Millionen verkaufte Alben, Brit Awards, Auftritte bei den Olympischen Spielen – die Karriere lief.
Privat dauerte es länger, bis Sandé offen über ihre Liebe zu einer Frau sprach. 2022 machte sie ihre Beziehung mit der Pianistin Yoana Karemova öffentlich. Eine starre Schublade für ihre Sexualität wollte sie sich dabei zunächst nicht verpassen. Sie verliebe sich in den Menschen – und dieser Mensch sei eben Yoana. In Bern feiert Sandé nun das 15-jährige Jubiläum ihres Debütalbums. Und es ist das einzigen Schweizer Konzert der Tour und das erst noch im schönen Casino Bern, exklusiver geht nicht.
Emeli Sandé – Dienstag, 9. März 2027, 20 Uhr, Casino Bern.
Queer French Pop: Ab über den Röstigraben!
Frankreich und Belgien haben derzeit eine ganze Reihe spannender queerer Popstars zu bieten. Nur schaffen es die leider nicht immer über den Röstigraben. Aber bitte: Genf und Lausanne sind keine Fernreise. Wer französischsprachigen Pop, Elektro, grosse Gefühle und ein bisschen Drama mag, sollte deshalb gelegentlich einen Zug Richtung Romandie besteigen.
Suzane – Elektropop mit Haltung
Suzane tanzt. Suzane singt. Und Suzane hat etwas zu sagen. Die Französin verbindet Chanson und Elektropop mit Texten über Sexismus, Umwelt, gesellschaftliche Zwänge und queeres Leben. Dabei klingt sie nie wie ein musikalischer Informationsabend mit anschliessendem Apéro. Ihre Songs dürfen knallen. Besonders persönlich ist «Anouchka». Darin singt Suzane über die Liebe zwischen Frauen und darüber, lieben zu dürfen, wen man liebt. Sie selbst hat erzählt, wie sehr ihr als Jugendliche lesbische Vorbilder fehlten. Heute ist sie selbst eines.
Suzane – Samstag, 16. Januar 2027, 20 Uhr, Alhambra, Genf.
Pierre de Maere – Ein bisschen Drama muss sein
Elegante Anzüge, grosse Gesten, noch grössere Gefühle: Pierre de Maere sieht manchmal aus, als wäre er auf dem direkten Weg von einer Modenschau ins Tonstudio falsch abgebogen. Zum Glück ist er dort geblieben. Mit «Un jour je marierai un ange» gelang dem Belgier der Durchbruch. Sein Debütalbum «Regarde-moi» wurde ein Erfolg, bei den Victoires de la Musique räumte er als männliche Neuentdeckung ab.
De Maere ist schwul und spricht inzwischen offen über Homosexualität, Liebe und Sex. Dabei hat er wenig Interesse daran, bei jedem Interview ausschliesslich auf seine sexuelle Orientierung reduziert zu werden. Verständlich. Heterosexuelle Sänger müssen schliesslich auch nicht zuerst ihre Heterosexualität erklären, bevor sie ein Liebeslied anstimmen dürfen. In Genf gibt es den Dandy-Popstar nun live.
Pierre de Maere – Samstag, 23. Januar 2027, 20 Uhr, Alhambra, Genf.
Angèle – «Ta reine» bekommt Gesellschaft
Und dann wäre da noch Angèle. Die Belgierin ist längst viel zu gross, um sie einfach als Geheimtipp abzutun. Milliarden Streams, ausverkaufte Tourneen und Duette mit Dua Lipa, Phoenix oder Kavinsky: Läuft bei ihr.
Queere Fans dürften Angèle spätestens seit «Ta reine» besonders ins Herz geschlossen haben. Der Song erzählt von der Liebe einer Frau zu einer anderen Frau – und davon, wie schön es wäre, wenn diese Liebe genauso selbstverständlich sein könnte wie jede andere. Später sprach Angèle öffentlich über ihre Bisexualität. Queerness taucht seither immer wieder in ihrer Musik auf. Mal deutlich, mal nur in einem Pronomen oder einer kleinen Textzeile. Und genau das ist vielleicht das Schönste daran: Eine Frau singt über eine Frau. Punkt. Kein Sonderprogramm nötig.
Jetzt beginnt das nächste Kapitel. Ihr drittes Album «Instinct» erscheint im Oktober 2026. Die dazugehörige internationale Tour startet im Frühjahr 2027 und führt sie im November auch in die Schweiz. Es dauert also mehr als ein Jahr, bis Angèle in der Schweiz angekommen ist, doch für dieses Konzert lohnt sich der Weg über den Röstigraben definitiv.
Angèle – Samstag, 6. November 2027, 20 Uhr, Vaudoise aréna, Lausanne-Prilly.
Calum Scott – Coming-out mit ganz grossen Gefühlen
Brandy Clark – Country kann sehr wohl lesbisch
Placebo – Seit 30 Jahren schön unangepasst
Tokio Hotel – Ja, die machen tatsächlich noch Musik
MNEK – Schwarz, schwul und verdammt guter Pop
Emeli Sandé – Spät geoutet, endlich angekommen
Suzane – Elektropop mit Haltung
Pierre de Maere – Ein bisschen Drama muss sein
Angèle – «Ta reine» bekommt Gesellschaft