James Baldwin – schwarz, schwul und wütend

Die Cinematte zeigt im April ein Special zum schwulen Schriftsteller James Baldwin.

Derzeit ist der amerikanische Schriftstelle James Baldwin (1924-1987) wieder in aller Munde, und das obwohl er bereits vor über 30 Jahren gestorben ist. Als er in den 50er- und 60er-Jahren zu Themen wie Rassismus und Homosexualität schrieb, brach er mit seinem schonungslosen Blick auf die Welt ein Tabu. Wieder entdeckt wurde er, weil das was er zu sagen hatte, seine Einsichten und Beobachtungen, heute immer noch Gültigkeit haben. Sein Werk ist aktueller denn je. Die Cinematte hat im April ein James Baldwin Special programmiert. Sie zeigt die Romanverfilmung «If Beal Street Could Talk» und den preisgekrönten Dokumentarfilm «I’m Not Your Negro».

James Baldwin wurde 1924 in eine schlechte Welt hinein geboren. Armut, Rassenhass und Diskriminierung prägten seine Kindheit und Jugend in Harlem. Und da war noch sein Stiefvater, ein fanatischer Baptistenprediger, zu dem er ein schwer gestörtes Verhältnis hatte. Trotz der angespannten Beziehung zu seinem Vater versuchte er sich als jugendlicher Prediger in der Pfingstgemeinde. James Baldwin glaube damit «den Ausweg aus seinem Hass für die weissen Unterdrücker und seine Verachtung für die unterdrückten Schwarzen» zu finden. Doch bald wurde im klar, dass die Ghettokirchen nur Masken sind für «Hass, Selbsthass und die Verzweiflung». Also wandte er sich von der Kirche ab und der Literatur zu. Er war ein leidenschaftlicher Leser und half auch bei der Schülerzeitung als Autor mit. Nach dem erfolgreichen Schulabschluss 1942, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und versuchte sich nebenbei als Schriftsteller zu profilieren. Im älteren Schriftsteller Richard Wright[1] fand er einen Förderer. Schon als 19-Jähriger konnte der talentierte James Baldwin in der Zeitung The Nation seine erste Buchrezension veröffentlichen und mit 21 schreib er seine erste bedeutende Kurzgeschichte «Sonny’s Blues». Doch mit seinem Förderer und geistigem Ziehvater wiederholte sich der Konflikt, den er mit seinem inzwischen verstorbenen Stiefvater hatte. Baldwin kritisiert Wrights Roman «Native Son» und beschuldigt ihn des Puritanismus.

Der Rassenhass und die Unterdrückung in New York ertrug er bald nicht mehr. Auch der ausbleibende Erfolg als Schriftsteller und das Gefühl ignoriert zu werden, machten James Baldwin immer wütender. Er musste da raus! Also haute er ab nach Paris. Er war 24 Jahre alt und lebte in Frankreich vorerst in bitterster Armut unter Afro-Franzosen, Arbeitslosen und Obdachlosen. «Selbstexilierung» nannte er selbst diesen Schritt. Nur so habe er sich in die Richtung entwickeln könne, die er nun einschlug. Das sei ihm in den USA nicht gestattet gewesen: «Alles, was mir meine Landsleute in jenen 24 Jahren, die ich im Lande zu leben versuchte, anzubieten hatten, war der Tod – ein Tod überdies nach ihrem Geschmack.“[2]

 

James und der Swiss Boy

James Baldwin mit dem Maler Beauford, ein guter Freund aus New York, der Baldwin mehrmals porträtierte und der Schweizer Lucien Happersberger, Baldwins grosse Liebe und Freund fürs Leben., 1953

In Paris begegnete er in einer Gay-Bar dem hübschen 18-jährigen Swiss Boy Lucien Happersberger, auch er ein Ausreisser. Lucien wurde James Baldwins grosse Liebe und machte dem Amerikaner eins deutlich: «Ich bin schwul». Obwohl der Schweizer Künstler später (mehrmals) heiratete, blieben sie Freunde bis zum Tod James Baldwins.

In den folgenden vierzig Jahren blieb James Baldwin überwiegend in seiner Wahlheimat Frankreich. Allerdings machte er einen kurzen Halt in der Schweiz. 1951 ging er für ein paar Wochen nach Leukerbad ins Wallis um sich zu erholen. Er konnte dort im Familienchalet von Lucien Happersberger wohnen. Als erster und einziger Schwarzer im Ort wurde der Aufenthalt zu einem Spiessrutenlauf. Ihm rannten die Kinder nach und riefen «Neger! Neger!». Es spürte hier den Rassismus in seiner reinsten, ursprünglichen Form. Für ihn als Mensch schwer zu ertrage, doch als Schriftsteller inspirierte ihn dieser direkte Rassismus und die frische Bergluft zum Essay «Fremder im Dorf» und er konnte dort, nach 10 Jahre ringen mit dem Text, endlich seinen ersten Roman «Go Tell It on the Mountain» vollenden.

Einen schönen Artikel über James Baldwins Aufenthalt in Leukerbad findest du hier (Tagesanzeiger).

 

Der Durchbruch als Schriftsteller

Mit dem Roman «Go Tell It on the Mountain», in dem er seine Kindheits- und Jugenderfahrungen in der Baptistenkirche verarbeitete, gelang im endlich der ersehnte Durchbruch als Schriftstellen. Drei Jahre später, 1956, wurde sein zweiter Roman veröffentlicht. «Giovanni’s Room» erregte damals grosses Aufsehen und löste Diskussionen aus, denn es ging um Homosexualität, ein in den 50er-Jahren stark tabuisiertes Thema. Im Roman geht es um einen weissen Protagonisten, der wie James auch, nach Frankreich ging, um sich selbst du finden. Er beschreibt darin die Identitätssuche eines Homosexuellen und eine schwule Liebe, die ziemlich autobiografisch ist. Passagen aus dem Roman wurde übrigens unter dem Titel «Stationen» noch vor der deutschen Erstveröffentlichung in der Schweizer Homosexuellenzeitschrift «Der Kreis»[3] veröffentlicht.

«Everybody’s journey is individual. If you fall in love with a boy, you fall in love with a boy. The fact that many Americans consider it a disease says more about them than it does about homosexuality.»
James Baldwin

1962 folgt sein Roman «Another Country», der in New York spielte und sich, der deftigen Sexszenen wegen, ziemlich gut verkaufte. Weitere Romane waren «Tell Me How Long the Train’s Been Gone», 1968, «If Beale Street Could Talk», 1973, der gerade von Barry Jenkins («Moonlight») verfilmt wurde und 1979 sein letztes Werk «Just Above My Head». Er schrieb auch viele Essays und zwei Theaterstücke.

 

Zurück in Amerika, aber nicht für lange

James Baldwin, gestärkt vom Erfolg seiner Romane, ging Anfangs der 60er-Jahren zurück nach Amerika und engagierte sich dort in der Bürgerrechtsbewegung und gegen Rassismus. Er wurde zu einer wichtigen Stimme der Afroamerikaner als Essayist und als Redner. Auch weil er sich der Radikalität verweigerte,  die Afroamerikanische Kultur nicht blind verehrte und die Weissen nicht pauschal hasste. Doch nach der Ermordung der beiden unterschiedlichen Anführer der Bürgerrechtsbewegung, Malcolm X [4] und Martin Luther King [4], nahm seine Wut auf die Ungerechtigkeiten und den Rassenhass in Amerika wieder überhand. Er brauchte Ruhe um schriftstellerisch Tätig zu sein. Also fuhr er zurück nach Frankreich, in sein Haus in Saint-Paul-de-Vence, wo er mit seinen Liebsten und Freunden die schönste Zeit verbrachte. Zwar war ihm keine weitere «grosse Liebe», wie die zum Swiss Boy vergönnt, doch Baldwin hatte seine Beziehungen, er lebte seine Homosexualität aus. James war offen, witzig und charmant, ein Menschenfreund. Stets scharte er viele Leute um sich und pflegte intensive und lange Freundschaften. Das Alleinsein ertrug er nur schlecht, oft fühlte er sich einsam. Manchmal versank er in Depressione und wurde auch körperlich krank. Das viele Feiern, Trinken und Rauchen taten ihr Übriges. James Baldwin starb 1987 im Alter von 63 Jahren an Speiseröhrenkrebs. Sein toter Köper wurde zurück nach Amerika gebracht, wo er in New York begraben wurde. Sein Geist jedoch blieb in dieser Welt, bis heute.

 

James Baldwins Vermächtnis

Nach seinem Tod ging James Baldwin vorerst etwas in Vergessenheit. Aber in den letzten Jahren, wegen dem wiedererwachen der Bürgerrechtsbewegung, die heute unter dem Begriff «Black Lives Matter» weiter geführt wird, wurde James Baldwin erneut entdeckt. So nannte Barack Obama ihn eine wichtige Inspiration für seine Politik und Popstars wie Jay-Z und Beyonce zitieren ihn gerne. 2017 dreht Raoul Peck den Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» nach Baldwins unvollendeten Manuskript «Remember This House», mit vielen Filmaufnahmen von Reden Baldwins. Der Film wurde für den Oscar nominiert und gewann in Berlin den Bären für den besten Dokumentarfilm. 2018 verfilmt Barry Jenkins, – der für das Gay-Drama «Moonlight» 2017 eine Oscar gewann – Baldwins Roman «If Beale Street Could Talk». Gerade ist James Baldwin Debütroman «Go Tell It on the Mountain», in einer neuen Übersetzung auf Deutsch erschienen («Von dieser Welt», dtv). Weiter Neuübersetzungen sollen folgen. Bestimmt wird Hollywood den Baldwin Trend bald mit einem Biopic zu Geld machen. Wünschenswert wäre eine Verfilmung von «Giovanni’s Room», aber bitte nicht aus Hollywood! Das Vermächtnis von diesem schwarz, schwulen Mann, der oft sehr wütend war auf die Welt und die Menschen dennoch liebte, lebt also weiter.

 

James Baldwin Special in der Cinematte


I AM NOT YOUR NEGRO

Regie: Raoul Peck; Dokumentarfilm, mit der Stimme von Samuel L. Jackson;
FRA 2016; Englisch mit deutschen Untertiteln, 1h33

Montag, 15. April 2019, 20:30
Sonntag, 28. April 2019, 18:30


IF BEALE STREET COULD TALK

Regie: Barry Jenkins; mit Kiki Layne, Stephan James;
US 2019, Englisch mit deutschen und französischen Untertiteln, 1h59

Samstag, 6. April 2019, 18:30
Sonntag, 7. April 2019, 18:30
Samstag, 13. April 2019, 18:30
Sonntag, 14. April 2019, 19:30

www.cinematte.ch

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