James Baldwin – schwarz, schwul und wütend

Der amerikanische Autor schrieb gegen Rassismus und Diskriminierung

Derzeit ist der amerikanische Schriftstelle James Baldwin (1924-1987) wieder in aller Munde, und das obwohl er bereits vor 35 Jahren gestorben ist. Als er in den 50er- und 60er-Jahren über Themen wie Rassismus und Homosexualität schrieb, brach er mit seinem schonungslosen Blick auf die Welt ein Tabu. Wieder entdeckt wurde er, weil das was er zu sagen hatte, seine Einsichten und Beobachtungen, heute immer noch Gültigkeit haben. Sein Werk ist aktueller denn je. Der dtv-Verlag hat seine Romane jetzt neu auf Deutsch übersetzt um «sein leuchtendes Werk, endlich auch wieder für die deutschen Leser*innen zugänglich und erfahrbar zu machen».

James Baldwin, New York, 1946. Photograph by Richard Avedon / © the Richard Avedon Foundation

James Baldwin wurde 1924 in eine schlechte Welt hinein geboren. Armut, Rassenhass und Diskriminierung prägten seine Kindheit und Jugend in Harlem. Und da war noch sein Stiefvater, ein fanatischer Baptistenprediger, zu dem er ein schwer gestörtes Verhältnis hatte. Trotz der angespannten Beziehung zu seinem Vater versuchte er sich als jugendlicher Prediger in der Pfingstgemeinde. James Baldwin glaube damit «den Ausweg aus seinem Hass für die weissen Unterdrücker und seine Verachtung für die unterdrückten Schwarzen» zu finden. Doch bald wurde im klar: Ghettokirchen sind nur Masken für «Hass, Selbsthass und Verzweiflung». Also wandte er sich von der Kirche ab und der Literatur zu. Er war ein leidenschaftlicher Leser und half auch bei der Schülerzeitung als Autor mit. Nach dem erfolgreichen Schulabschluss 1942, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und versuchte sich nebenbei als Schriftsteller zu profilieren. Im älteren Schriftsteller Richard Wright[1] fand er einen Förderer. Schon als 19-Jähriger konnte der talentierte James Baldwin in der Zeitung The Nation seine erste Buchrezension veröffentlichen und mit 21 schreib er seine erste bedeutende Kurzgeschichte «Sonny’s Blues». Doch mit seinem Förderer und geistigem Ziehvater wiederholte sich der Konflikt, den er mit seinem inzwischen verstorbenen Stiefvater hatte. Baldwin kritisiert Wrights Roman «Native Son» und beschuldigt ihn des Puritanismus.

Der Rassenhass und die Unterdrückung in New York ertrug er bald nicht mehr. Auch der ausbleibende Erfolg als Schriftsteller und das Gefühl ignoriert zu werden, machten James Baldwin immer wütender. Er musste da raus! Also haute er ab nach Paris. Er war 24 Jahre alt und lebte in Frankreich vorerst in bitterster Armut unter Afro-Franzosen, Arbeitslosen und Obdachlosen. «Selbstexilierung» nannte er selbst diesen Schritt. Nur so habe er sich in die Richtung entwickeln könne, die er nun einschlug. Das sei ihm in den USA nicht gestattet gewesen: «Alles, was mir meine Landsleute in jenen 24 Jahren, die ich im Lande zu leben versuchte, anzubieten hatten, war der Tod – ein Tod überdies nach ihrem Geschmack.“[2]

 

James und der Swiss Boy

In Paris lernte James Baldwin in einer Gay-Bar den hübschen 18-jährigen Swiss Boy Lucien Happersberger kennen. Auch er war ein Ausreisser. Lucien wurde James Baldwins grosse Liebe und machte dem Amerikaner eins deutlich: «Ich bin schwul». Obwohl der Schweizer Künstler später (mehrmals) heiratete, blieben sie Freunde bis zum Tod James Baldwins.

In den folgenden vierzig Jahren blieb James Baldwin überwiegend in seiner Wahlheimat Frankreich. Allerdings lebte er für eine kurze Zeit in der Schweiz. 1951 ging er nach Leukerbad im Wallis um sich zu erholen. Er konnte dort im Familienchalet von Lucien Happersberger wohnen. Als erster und einziger Schwarzer im Ort wurde der Aufenthalt zu einem Spiessrutenlauf. Ihm rannten die Kinder nach und riefen «Neger! Neger!». Es spürte hier den Rassismus in seiner reinsten, ursprünglichen Form. Für ihn als Mensch schwer zu ertrage, doch als Schriftsteller inspirierte ihn die frische Bergluft und der ungefilterte Rassismus zum Essay «Fremder im Dorf». Zudem konnte er dort, nach 10 Jahre ringen mit dem Text, endlich seinen ersten Roman «Go Tell It on the Mountain» vollenden.

Einen schönen Artikel über James Baldwins Aufenthalt in Leukerbad findest du hier (Tagesanzeiger).

Rechts: James Baldwin 1953 mit dem Schweizer Lucien Happersberger, Baldwins grosse Liebe und Freund fürs Leben. (Bild: Collection of the Smithsonian National Museum of African American History and Culture). Links: Baldwin in den 60er-Jahren (Bild: © Guy le querrec / Magnum Photos)

 

Der Durchbruch als Schriftsteller

Mit dem Roman «Go Tell It on the Mountain», in dem er seine Kindheits- und Jugenderfahrungen in der Baptistenkirche verarbeitete, gelang im endlich der ersehnte Durchbruch als Schriftstellen. Drei Jahre später, 1956, wurde sein zweiter Roman veröffentlicht. «Giovanni’s Room» erregte damals grosses Aufsehen und löste Diskussionen aus, denn es ging um Homosexualität, ein in den 50er-Jahren stark tabuisiertes Thema. Im Roman geht es um einen weissen Protagonisten, der wie James auch, nach Frankreich ging, um sich selbst du finden. Er beschreibt darin die Identitätssuche eines Homosexuellen und eine schwule Liebe, die ziemlich autobiografisch ist. Passagen aus dem Roman wurde übrigens unter dem Titel «Stationen» noch vor der deutschen Erstveröffentlichung in der Schweizer Homosexuellen­zeitschrift «Der Kreis»[3] veröffentlicht.

«Everybody’s journey is individual. If you fall in love with a boy, you fall in love with a boy. The fact that many Americans consider it a disease says more about them than it does about homosexuality.»
James Baldwin

 

1962 folgt sein Roman «Another Country», der in New York spielte und sich wegen den deftigen Sexszenen ziemlich gut verkaufte. Einer der Protagonisten im Roman ist der Schauspieler Eric. Er stammt aus dem segregierten Süden der USA, wo er sich als Jugendlicher in einen Schwarzen verliebte. Eine Gefahr nicht in erster Linie für Eric, sondern für den Geliebten, der klarer als sein privilegierter Freund die gesellschaftliche Unmöglichkeit ihrer Liebe erkennt. Eric zieht später nach New York und von da nach Frankreich, wo er den Stricher Yves kennen und lieben lernt. Als ein Rollenangebot aus New York eintrifft, entschliesst sich Eric zur Rückreise; Yves soll später nachkommen. Doch wie werden ihn seine ehemaligen Freunde aufnehmen? Eine Buchrezession von Martin Mühlheim zu «Another Country» findest du hier. Weitere Romane waren «Tell Me How Long the Train’s Been Gone», 1968, «If Beale Street Could Talk», 1973 und 1979 sein letztes Werk «Just Above My Head». Er schrieb auch viele Essays und zwei Theaterstücke.

James Baldwin mit Martin Luther King, Marlon Brando und Nina Simone (Foto: New York Public Library). Links: Baldwin in Paris.

 

Zurück in Amerika, aber nicht für lange

James Baldwin, gestärkt vom Erfolg seiner Romane, ging Anfangs der 60er-Jahren zurück nach Amerika und engagierte sich dort in der Bürgerrechtsbewegung und gegen Rassismus. Er wurde zu einer wichtigen Stimme der Afroamerikaner als Essayist und als Redner. Auch weil er sich der Radikalität verweigerte,  die Afroamerikanische Kultur nicht blind verehrte und die Weissen nicht pauschal hasste. Doch nach der Ermordung der beiden unterschiedlichen Anführer der Bürgerrechtsbewegung, Malcolm X [4] und Martin Luther King [4], nahm seine Wut auf die Ungerechtigkeiten und den Rassenhass in Amerika wieder überhand. Er brauchte Ruhe um schriftstellerisch Tätig zu sein. Er fuhr zurück nach Frankreich, in sein Haus in Saint-Paul-de-Vence, wo er mit seinen Liebsten und Freunden die schönste Zeit verbrachte. Zwar war ihm keine weitere «grosse Liebe», wie die zum Swiss Boy vergönnt, doch Baldwin hatte seine Beziehungen, er lebte seine Homosexualität aus. James war offen, witzig und charmant, ein Menschenfreund. Stets scharte er viele Leute um sich und pflegte intensive und lange Freundschaften. Das Alleinsein ertrug er nur schlecht, oft fühlte er sich einsam. Manchmal versank er in eine Depression und wurde auch körperlich krank. Das viele Feiern, Trinken und Rauchen taten ihr Übriges. James Baldwin starb 1987 im Alter von 63 Jahren an Speiseröhrenkrebs. Sein toter Köper wurde zurück nach Amerika gebracht, wo er in New York begraben wurde. Sein Geist jedoch blieb in dieser Welt, bis heute.

 

James Baldwins Vermächtnis

Nach seinem Tod ging James Baldwin vorerst etwas in Vergessenheit. Aber in den letzten Jahren, wegen dem wiedererwachen der Bürgerrechtsbewegung, die heute unter dem Begriff «Black Lives Matter» weiter geführt wird, wurde James Baldwin erneut entdeckt. So nannte Barack Obama ihn eine wichtige Inspiration für seine Politik und Popstars wie Jay-Z und Beyonce zitieren ihn gerne. 2017 dreht Raoul Peck den Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» nach Baldwins unvollendeten Manuskript «Remember This House», mit vielen Filmaufnahmen von Reden Baldwins. Der Film wurde für den Oscar nominiert und gewann in Berlin den Bären für den besten Dokumentarfilm. 2018 verfilmt Barry Jenkins, – der für das Gay-Drama «Moonlight» 2017 eine Oscar gewann – Baldwins Roman «If Beale Street Could Talk».

Die deutschen Übersetzungen seiner Bücher sind teilweise über 30 bis 50 Jahre alt und waren meisten nur noch im Antiquariat erhältlich. Das wollte der dtv-Verlang ändern. «Wir wollen James Baldwin, sein leuchtendes Werk, endlich auch wieder für die deutschen Leser zugänglich und erfahrbar machen, in Neuübersetzungen von Miriam Mandelkow und mit aktuellen Begleittexten.» Bestimmt wird Hollywood den Baldwin Trend bald mit einem Biopic zu Geld machen. Wünschenswert wäre eine Verfilmung von «Giovanni’s Room», aber bitte nicht aus Hollywood!

Das Vermächtnis von diesem schwarz, schwulen Mann, der oft sehr wütend war auf die Welt und die Menschen dennoch liebte, lebt weiter.

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