
Rosa von Praunheim, 1942 – 2025
Ein Nachruf von Daniel Frey auf den Pionier der Homosexuellenbewegung
Das Wirken von Rosa von Praunheim hatte starken Einfluss auf das politische Bewusstsein der Homosexuellen. Wieso er für die Bewegung so wichtig war, und wie sein Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» auch die Schwulen in Bern in Bewegung brachte, erzählt Daniel Frey
Der Regisseur, Autor und queere Aktivist Rosa von Praunheim starb am vergangenen Mittwoch, 17. Dezember 2025 mit 83 in Berlin. Mit seinem Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» hat er auch in der Schweiz viel zur Geschichte der schwulen Emanzipation beigetragen. Der Autor und Aktivist Johannes Kram («Ich hab ja nichts gegen Schwule») zu Rosa von Praunheim: «Er war das deutsche Stonewall!».
Ein paar Tage vor seinem Tod heiratete Rosa von Praunheim seinen langjährigen Partner Oliver Sechting. «Wir haben im Kreis enger Freunde und Weggefährten geheiratet, nachdem ich ihm im September einen Heiratsantrag gemacht hatte», teilte Rosa von Praunheim nach der Trauung auf Instagram mit.
Rosa von Praunheim wurde 1942 als Holger Radtke während der deutschen Besatzung im Zentralgefängnis in Riga geboren. Nach dem Tod seiner leiblichen Mutter – sie verhungerte 1946 in einer psychiatrischen Klinik in Berlin – wurde er adoptiert und bekam den bürgerlichen Namen Holger Bernhard Bruno Mischwitzky. Der Künstlername Rosa von Praunheim entstand aus zwei Quellen: «Rosa» bezieht sich auf den Rosa Winkel, den homosexuelle Männer in den Konzentrationslagern tragen mussten, und «Praunheim» leitet sich vom Frankfurter Stadtteil ab, in dem er seine Jugend verbrachte.
Rosa von Praunheim bleibt sicher als eine der schillerndsten und prägendsten Figuren der schwulen (und queeren) Bewegung in Erinnerung. Über 50 Jahre mischte er nicht nur die queere Community auf – laut, polemisch, und stets politisch. Mit seinen mehr als 150 Filmen prägte Rosa von Praunheim über Jahrzehnte das deutsche Queer Cinema.

Der «Uni-Skandal» in Bern
Das Zähringer-Refugium, ein Kleintheater an der Badgasse in Bern (heute Restaurant zum Zähringer), war am Abend des 13. Februar 1975 mit 150 Personen randvoll. Gezeigt wurde der Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der lebt» mit anschliessender Fragerunde.
Zur Überraschung der Organisierenden, der damaligen Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern HAB, (gegründet im Dezember 1972) wurde der Abend mit einem kurzen Interview in einer Regionalsendung von Radio DRS (heute Radio SRF) angekündigt. Und auch ein Inserat im Anzeiger der Stadt Bern wurde diesmal nicht abgelehnt – wie noch ein halbes Jahr zuvor.
Im HAB-Info vom März 1975 war zu lesen: «Eines der Hauptziele des Abends scheint erfüllt worden zu sein: Publizität für die HAB. Es ist wichtig, dass die Tatsache, dass eine Homosexuelle Arbeitsgruppe besteht, von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden muss. … Diese Publizität zeigt der Öffentlichkeit einerseits, dass es organisierte Homosexuelle gibt, die gewillt sind, ihre Situation zu verbessern.»
Dem schlussendlich erfolgreichen Anlass war ein Uni-Skandal vorausgegangen. Eigentlich wollten die HAB an der Universität Bern zwei öffentliche Informationsveranstaltungen zum Thema «Homosexualität – Sexualität – Gesellschaft» durchführen. Am ersten Abend sollte eben der Film von Rosa von Praunheim gezeigt werden, und am zweiten Abend war eine Diskussion über Homosexualität, Vorurteile darüber, über Sexualität und gesellschaftliche Bedingungen vorgesehen.
Doch das Gesuch für die Benützung eines Hörsaals wurde durch den Rektor nur unter Auflagen erteilt: Als Teilnehmer nur Mitglieder der HAB, keine Werbung, keine Presse. Diese Auflagen verunmöglichten die Durchführung der Veranstaltung im geplanten Sinn.
Auf einem an der Uni verteilten Flugblatt zitieren die HAB aus der abschlägigen Antwort des Rektors: «Als Mediziner bin ich mir dessen voll bewusst, dass Ihre Gruppe den vollen Anspruch auf Legitimität hat. Ebenfalls als Mediziner halte ich es indessen für nicht angezeigt, dass die Werbung für Ihre Gruppe durch Grossanlässe geschieht. Wer immer sich in ihre Richtung gezogen fühlt, wird den Anschluss früher oder später durch direkte menschliche Kontakte finden.»
Die Antwort darauf war unmissverständlich: «Dazu ist zu sagen, dass wir keineswegs eine Werbeveranstaltung für Homosexualität durchführen wollen, sondern Informationsabende über ein Thema, das direkt oder indirekt jedermann betrifft. Zudem ist es gerade unser Ziel, uns Schwule aus dem von der Gesellschaft zugewiesenen Ghetto rauszuholen und nicht weiter Verstecken zu spielen.»
→ Mehr zur Geschichte der HAB ist in der Jubiläumsschrift «50 Jahre bewegt – Von den Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern zu hab queer bern 1972 bis 2022» zu erfahren. Die umfangreiche Chronik ist direkt bei hab queer bern erhältlich.

Das Glück auf den Toiletten
Rosa von Praunheim drehte den Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» im Auftrag des WDR. Er richtete sich nicht an die Gesellschaft, sondern an die Homosexuellen selbst. Aus Kostengründen wurde der Film «stumm» gedreht und nachträglich mit nicht synchronisierten Dialogen unterlegt. Eine Off-Stimme kommentiert das Geschehen. Und ursprünglich hiess der Film vollständig: «Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt – oder Das Glück auf der Toilette».
Kernaussage des Films: Die schlechte Situation, in der Homosexuelle lebten, sei hausgemacht. Sie sollten ihre Angst überwinden und aus ihren Verstecken kommen, um solidarisch und kämpferisch miteinander für eine bessere, gleichberechtigte Zukunft anzutreten. Die am Ende des Films eingeblendete Aufforderung «Raus aus den Toiletten, rein in die Strassen!» ist eine übertragene Anpassung des in den USA verwendeten Imperativs «Out of the closet and into the street!».
Uraufgeführt wurde der Film am 3. Juli 1971 im Rahmen der Berlinale im Forum des jungen Films. Im Fernsehen wurde der Film erstmals am 31. Januar 1972 vom Auftraggeber WDR im 3. Programm zu später Stunde ausgestrahlt. Der ursprünglich vorgesehene Sendetermin im ersten Programm wurde vom WDR auf Vorschlag der ständigen Fernsehprogrammkonferenz ins dritte Fernsehprogramm verschoben, da «gerade die Homosexuellen selbst vor Schaden» bewahrt werden sollten.
«Da die Schwulen vom Spiesser als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spiessiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermass an bürgerlichen Tugenden.»
Anlässlich des 35. Vereinsjubiläums zeigte die HAB den Film im Februar 2008 in der Villa Stucki. Erasmus Walser (1949-2025) würdigte den Film und beantwortete die Frage, was der Film für Bern bedeutete: «Anfang der 70er Jahre war auch für HAB-Mitglieder noch eine innere Spannung auszuhalten: das eigene Schwulsein zu cachieren, um sich nicht in der Ausbildung oder beruflich Schwierigkeiten einzuhandeln, oder sich jener agitierenden Methoden zu bedienen, die Praunheim im Film beschreibt.» Einerseits waren damals die frisch entstandenen Schwulengruppen gespalten in jene, die zwar einen Freizeitraum erkämpfen wollten, aber keine konfrontative öffentliche Profilierung wagten, und andererseits jenen HAB-Mitgliedern mit Lust an öffentlicher Provokation.