Jessica Jurassica: «Wenn ich mich in Basel nicht verlaufen hätte, wäre ich vielleicht nicht in Bern»

Das Interview

Jessica Jurassica ist eine Künstlerin — eine Schriftstellerin, eine Performerin oder beides? Sie wurde in einem Skandal verwickelt und kämpft ständig gegen gesellschaftliche und eigene Dämonen — ihr Ziel: Selbstständigkeit. Mit José Kress spricht sie über Kunst, Misogynie und Depression.

Auf ihrer Homepage, jessicajurassica.com, konnte ich für meine Recherche, im Vorfeld des Interviews, einiges über Jessica Jurassica herausfinden. Sie schreibt und spricht offen über ihre Traumata — Tabu-Themen wie Drogen und Sex — nur mit einer Sturmmaske als Selbstschutz.

Pünktlich klingelt es in meiner Wohnung. Statt dem Lift nimmt sie die Treppe und etwas schüchtern, aber durchaus sympathisch, begrüsst sie mich und meine Hunde. «Zum Glück bin ich nur gegen Katzen allergisch und nicht gegen Hunde» sagt sie — ich hatte wieder vergessen zu erwähnen, dass ich mit zwei Hunden lebe. Sie setzt sich auf mein dunkelblaues Sofa, während ich ihr ein Glas mit Sprudelwasser auffülle. Unauffällig gekleidet und vor allem: ohne Sturmmaske. Wie sie aussieht werde ich nicht erzählen, es soll schliesslich weiterhin ihr Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis, das sie von der Aussenwelt beschützt und gleichzeitig als Person verschwinden lässt: Nur ihre Kunst steht im Vordergrund.

Jessica Jurassica lebt in Bern und ist eine Künstlerin — eine Schriftstellerin, eine Performerin oder beides? Sie wurde plötzlich in einem Skandal verwickelt und kämpft ständig gegen gesellschaftliche und eigene Dämonen – ihr Ziel: Selbstständigkeit. Im Interview spreche ich mit ihr über Kunst, Misogynie, Depression und wie sie in Bern gelandet ist.


Du lebst in Bern, warum?

Vor 10 Jahren war ich mit meiner Matura fertig und, so wie die Gesellschaft es diktiert, musste ich einen Studienort auswählen. Zürich war mir zu gross, Fribourg zu katholisch und in Basel fand ich die Uni nicht — dann bin ich in Bern gelandet. Wenn ich mich in Basel nicht verlaufen hätte, wäre ich vielleicht nicht in Bern.

Wie ist die Kunstszene in Bern?

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis: Ich studierte nicht an der HKB, das macht es schwieriger. Ich erarbeite mir meine Karriere als Künstlerin anders und mache es dementsprechend etwas anders.

Wie anders?

Ich merke, dass ich einen anderen Hintergrund habe. Ich persönlich nehme mich und meine Kunst nicht so ernst und habe etwas Abneigung gegen institutionelles arbeiten.

Was heisst institutionelles arbeiten?

Einmal hatte ich ein Projekt in einer Institution. Dieses Projekt verselbstständigte sich plötzlich! Das fühlte sich sehr seltsam an. Ich merkte — die Institution war stärker als ich! Abgesehen davon, dass Autorität für mich nichts wichtiges ist und ich ein Problem habe mit autoritären Strukturen: Ich arbeite lieber frei, mache meine Kunst, die bei anderen ankommt und fühle mich so erfolgreich.

Erfolg heisst, dass deine Kunst bei anderen ankommt?

Erfolg heisst, dass ich gehört werde, dass ich gelesen werden, dass ich Menschen helfen kann und selbstverständlich, dass ich damit leben kann, bzw. meinen Lebensunterhalt verdiene.

Was möchtest du mit deiner Kunst erreichen?

Wichtig ist, dass ich meine Erlebnisse und Gefühle mit Kunst verarbeite. Ich habe eine Form gefunden Aspekte wie beispielsweise Diskriminierung, Gewalterfahrungen oder Misogynie zu verarbeiten. Ich denke dann, wenn es mir hilft kann es vielleicht auch andere helfen. Es hat etwas heilendes und etwas bestärkendes.

Das heisst, deine Beziehung zu deiner Kunst ist autobiographisch?

Besser autofiktional. Oft gibt es eine grosse Distanz zwischen dem Künstler*in und dem Werk — ich bin viel unmittelbarer. Ich möchte nicht, dass man mein Kunstwerk fünf mal anschauen muss, um es zu verstehen: Ich bin direkter.

Kunst ist für dich eine Verarbeitungsmethode und gleichzeitig etwas autofiktionäres. Verändert dich Kunst oder veränderst du deine Kunst?

Es ist eine wechselseitige Spannung: Ich lasse mich von meiner Intuition treiben.

Merkst du in welche Richtung diese Spannung geht?

Normalerweise merke ich im Nachhinein, ob sich etwas in mir oder in meiner Kunst verändert hat.

Alles was du mir erzählst hat viel mit Selbständigkeit zu tun. Was heisst es als Mensch selbstständig zu sein?

Ich denke direkt an meine Therapie die ich letztes Jahr hatte. Es ging da viel um mein Selbst und um zu sehen, wie oft mein Selbst von aussen angegriffen wird.

Wie meinst du angegriffen?

In diskriminierenden Strukturen ist es schwierig das eigene Selbst zu beschützen und es von den Mechanismen, die Diskriminierung ermöglichen, zu emanzipieren. Die Stimme oder Existenzberechtigung von bestimmten Menschen (Frauen, queere Menschen, People of Color, Menschen mir Migrationsgeischichten usw.) wird oft angegriffen. Oft ist es schwierig eine Balance zu finden zwischen der Verteidigung des Selbst und die Befreiung des Selbst von diesen Strukturen.

Foto: @ olivia talina fosca

«In diskriminierenden Strukturen ist es schwierig das eigene Selbst zu beschützen und es von den Mechanismen, die Diskriminierung ermöglichen, zu emanzipieren»

Es hört sich so an, als wäre Selbständigkeit ein Kampf für dich?

Ja, man hat ein Selbst, das angegriffen wird und verteidigt werden muss.

Selbstständigkeit, Kampf, Diskriminierung, das alles und mehr enthält deine Kunst. Wie wird das aufgenommen?

Immer wieder stosse ich auf starke Widerstände. Ich trage immer eine Schutzmaske, die mein Gesicht bedeckt. Trotzdem bin ich im engen Umfeld oder in den Medien auf Widerstand gestossen und musste vieles Unangenehmes lesen.

Hast du ein Beispiel?

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es meistens bei den Journalisten anfängt. Ich habe leider nur schlechte Erfahrungen gemacht mit cis hetero Journalisten. Beispielsweise im 20 Minuten wurde ein Artikel über meinen Berset-Sex-Roman veröffentlicht. Ich wollte es Gegenlesen und der Titel war Frau schreibt Sexroman über Alain Berset. Ich wollte mich als Autorin labeln, aber sie akzeptierten das nicht: Weil ich es nicht Wert war. Der Konflikt ist dann etwas hinter den Kulissen eskaliert. Das ist für mich, als Autorin, nicht zielführend. Schliesslich möchte ich, dass man meine Kunst richtig versteht.

Fühlst du dich verantwortlich wenn es um die Interpretation deiner Kunst geht?

Ich hoffe die meisten verstehen meine Kunst. Ich versuche klar zu kommunizieren — gleichzeitig mache ich mir im Grunde keine Sorgen. Ich kann schliesslich nicht kontrollieren wie es bei den anderen ankommt. Beispielsweise beim Sexroman über Alain Berset: Das wurde in vielen Bereichen verstanden — in anderen Bereichen wurde es zu einer Headline über einen Sexskandal. Im Nachhinein denke ich: Das darf es irgendwie auch sein. Ich weiss nie was passiert — das fühlt sich alles manchmal absurd an! Wie eine Performance: Eine Performance die ich nicht geübt habe.

Performance ist wichtig für dich. Wie fühlst du dich vor einer geplanten Performance?

Ich fühle mich vor einer Performance miserabel. Im Nachhinein fühle ich mich sehr gut: Es hat mich auch in meiner Depression geholfen.

In deiner Performance in Basel zeigst du sehr viel von dir selbst, gleichzeitig bist du geschützt.

Die Performance in Basel war für mich ein wichtiger Moment. Damals ging es mir sehr schlecht — mit dieser Performance lies ich alles aus mir raus. Die Leute haben mir zugehört, wie ich auf einer dramatischen Art über meine Traumata spreche.

Ist das nicht schwierig?

Wenn ich darüber schreibe, entwickle ich eine literarische Distanz. Das heisst ich kann die Erfahrung oder das Gefühl verstehen und abschliessen. Das alles vor Menschen zu präsentieren ist ein weiterer Schritt im eigenen Heilungsprozess. Es ist irgendwie absurd, dass ich Bühnenangst habe und meine Probleme vor einem Publikum erzähle.

«Wenn ich über meine Traumata schreibe, entwickle ich eine literarische Distanz»

Ich frage mich grad: Was ist überhaupt eine Performance für dich?

Alles! In Bezug auf die Geschlechterthematik ist es ein Werkzeug, um die normativen Rollen zu brechen. Wenn man sich bewusst ist, dass alles eine Performance ist, kann man alles anders machen, alle Rollen brechen, sich eine andere Welt vorstellen oder sich selbst kreieren.

Wer entscheidet wie wir performieren? Definierst du deine Performance, ist es die Gruppe oder die Mächtigen in unserer Gesellschaft?

Solche Fragen stelle ich mir oft. Das was ich mit meiner Kunst mache, kommt eigentlich von diesen Fragestellungen. Ich bin in einer extrem heteronormativen Ortschaft aufgewachsen. In meinem Dorf gab es einen Schwulen und das war ein mega Ding. Ich hatte Schwierigkeiten mit der Performance von Weiblichkeit. Die Norm arbeitete ich ab und mit einem metaphorischen Brecheisen, konkreter mit meiner Sprache und meiner Performance, baute ich etwas eigenes auf. Ich habe mich natürlich von anderen teilweise inspirieren lassen, aber viele Elemente meines Selbst sind sehr individuell und ich frage mich oft: Von wo kommt das?

Siehst du dich als Aktivistin?

Ich fungiere eher auf einer künstlerischen Ebene — das fühlt sich für mich richtig an. Ich kann mich als politische Künstlerin definieren. Ich engagiere mich für Themen, die vor allem mich betreffen: wie Misogynie oder heteronormative Strukturen. Ich versuche mich aber auch was andere Diskriminierungsformen betrifft laufen weiterzubilden und zu sensibilisieren und finde es wichtig, dass der Feminismus immer intersektionaler gedacht wird.

Wie geht es mit Jessica Jurassica weiter?

Nächstes Jahr gehe ich nach New York. Habe ein Stipendium vom Kanton Bern bekommen. Ich komme aus einem Tal, in dem 20 Menschen leben und werde plötzlich in Brooklyn leben — spannend: Ich möchte wieder ein Buch schreiben!

Was ist dein Traum?

Weltfrieden (lacht). Es ist schwierig Träume zu formulieren in dieser Welt. Mir geht es schlecht, wenn es anderen schlecht geht — mit Krieg, Klimaprobleme, Konservatismus — bringt es überhaupt langfristige Träume zu haben?

Ich habe nach deinem Traum gefragt und du antwortest mit Krisen?

(lacht) Mein Traum ist: Kein Patriarchat, kein Faschismus, kein Kapitalismus, keine Depression mehr. Bezüglich meiner Depression: jetzt geht es mir gut.

Dann bist du zufrieden?

Ja, ich bin zufrieden, vielleicht werde ich Trapstar (lacht).

Ist dass dein Traum?

(lacht) Nein…

Wie fühlt es sich an zufrieden zu sein?

Nach meiner Depression — so richtig gut!


Instagram: @jessicajurassica

Website: jessicajurassica.com


Donnerstag, 25. August,
00:00 Uhr, Kapitel Bollwerk

CLUBLITERATUR W. JESSICA JURASSICA

Lila Martini, Konzert: “Bubblegum Trap” / Basel
pr1nc1p3ss4, Distressed Public / Zürich

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