In Bern gibt es den breit unterstützten Wunsch nach einem «Regenbogenhaus» – einem queeren Begegnungsort. Deshalb wurde der Verein «Queerer Begegnungsort für Bern» gegründet. Urs Vanessa Sager von habe queer bern hat die Gründungsveranstaltung besucht und berichtet darüber.
Es existieren unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie das Regenbogenhaus aussehen soll: Einige wünschen sich eine Integration in ein bestehendes Gebäude wie den Progr oder das Generationenhaus, andere bevorzugen ein eigenständiges Haus. Viele finden, dass der Ort lebendig sein soll, etwa mit einem Café ohne Konsumationszwang. Einig sind sich alle, dass in einem Regenbogenhaus in Bern die verschiedensten queeren Communities, Organisationen, Vereine und Angebote Platz haben und sich die unterschiedlichsten queeren Menschen willkommen fühlen sollten.
Der Weg zum Regenbogenhaus wird Zeit brauchen, möglicherweise mit Zwischenlösungen. Wichtig ist die Zusammenarbeit, Bündelung von Ressourcen und Kompromissbereitschaft. Bereits haben sich Menschen zum Verein «Queerer Begegnungsort für Bern» zusammengeschlossen, der das Projekt unterstützen möchte.
Bern ist Mitglied im Rainbow Cities Network
Bern versteht sich als offene, soziale und kulturell vielfältige Stadt und ist Mitglied im Rainbow Cities Network. Dieser Anspruch spiegelt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens wider, jedoch nur unzureichend in der strukturellen Unterstützung der queeren Community. Trotz wachsender Sichtbarkeit und politischer Anerkennung fehlt in der Bundesstadt bis heute ein dauerhaft etablierter, niederschwelliger queerer Begegnungsort. Diese Lücke ist nicht nur symbolisch, sondern hat konkrete soziale, kulturelle und gesundheitliche Auswirkungen.
Queere Menschen sind überdurchschnittlich häufig von sozialer Isolation, Diskriminierung und psychischer Belastung betroffen. Begegnungsorte bieten hier mehr als Freizeitangebote. Sie schaffen sichere Räume, in denen Identität nicht erklärt oder verteidigt werden muss. Gerade für Jugendliche, ältere queere Menschen, trans, intergeschlechtliche und nichtbinäre Personen sowie Menschen mit Mehrfachdiskriminierung sind solche Orte zentral für soziale Integration und Empowerment.
In Bern existieren zwar Vereine, temporäre Veranstaltungen und einzelne kommerzielle Angebote, doch diese sind fragmentiert, zeitlich begrenzt oder nicht für alle zugänglich. Ein dauerhafter Begegnungsort würde Kontinuität schaffen: als Anlaufstelle für Beratung, Austausch, Kultur, politische Bildung und Community-Arbeit.
Ein queerer Begegnungsort ist zudem kein exklusiver Rückzugsraum, sondern ein Beitrag zur städtischen Öffentlichkeit. Er stärkt zivilgesellschaftliches Engagement, fördert Sichtbarkeit und wirkt präventiv gegen Diskriminierung und Gewalt. Städte, die solche Orte aktiv unterstützen, investieren in Gesundheit und soziale Integration. Es gibt viele Beispiele zu realisierten und erfolgreichen Projekten in Europa.
Für Bern stellt sich daher weniger die Frage des «Ob» als des «Wie». Erforderlich sind politische Anerkennung, eine langfristige finanzielle Absicherung, wie auch immer die aussehen mag, und die Einbindung der Community in Konzeption und Betrieb. Ein queerer Begegnungsort muss als Teil der sozialen Infrastruktur verstanden werden. Er ist auch kein Luxus und kein Nischenthema, sondern eine notwendige Investition in soziale Gerechtigkeit und urbanes Zusammenleben.
Wer hilft mit ein Regenbogenhaus zu gründen?
Wie im letzten «Queerschnitt» versprochen, hier ein kurzer Bericht zum ersten Treffen von Vertreter:innen queerer Organisationen mit dem neu gegründeten Verein und dem Gleichstellungsbüro der Stadt Bern im November 2025:
Ich war überrascht, wie viele queere Organisationen an dem Treffen anwesend waren. Der Raum war übervoll. Nach einer Einführung durch das Gleichstellungsbüro und einer Präsentation des neu gegründeten Vereins «Queerer Begegnungsort für Bern» wurden Bedürfnisse (Anforderungen an einen solchen Ort) und notwendige Ressourcen, um ihn effizient und funktionsfähig zu machen, thematisiert. Auf vier im Raum aufgelegten Flipcharts waren folgende Fragen zu einem Begegnungsort notiert:
- Wer soll dabei sein / Wer soll vielleicht dabei sein
- Was soll er können / Was wären ergänzende Möglichkeiten in einem zweiten Schritt
- Was soll beachtet werden
- Gute Erfahrungen /weniger gute Erfahrungen
Mittels farbiger Post-its konnten die in Gruppen aufgeteilten Teilnehmer die Flipcharts füllen. Den Farben der Post-its wurden jeweils Bedeutungen zugeordnet,
Die Charts waren schnell gut gefüllt mit Ideen und Anforderungen.
Fazit
Bern braucht diesen Ort, unbedingt. Es sollen möglichst viele Organisationen involviert werden, die auch ihren Teil dazu beitragen, diesen Ort zu einem sicheren Begegnungszentrum für die queere Community zu machen. Dabei geht es nicht nur um eine Finanzierung, sondern auch darum, regelmässig präsent zu sein, um die vielfältigen Bedürfnisse der Besucher möglichst lückenlos abdecken zu können.
Ausserdem soll der Ort multifunktional sein, genug Raum bieten nicht nur um sich zu treffen, sondern auch zum Beispiel für Veranstaltungen oder Sitzungen.
Es versteht sich von selbst, dass dieses Projekt nicht in ein paar Monaten realisiert werden kann. Die Community wird zusammen mit dem Verein «Queerer Begegnungsort für Bern» ein Konzept zu erarbeiten haben, das realistisch realisierbar ist. Es braucht das Engagement aller, damit das erreicht wird.
Wir warten gespannt auf die nächsten Schritte.
Urs Vanessa Sager
hab queer bern
Beratung, Queernetworking