DJ Coreys MusikTipps März 2026

Peaches, Charli XCX, Hemlocke Springs, May-A, Lukas Oscar, Nils Keppel, Blu Samu, Mitski, August Ponthier, Boy Golden

Die Politik von Sex: PEACHES. Gothic-Pop nach dem Brat-Summer: CHARLI XCX. Glitzernder Art-Pop aus den USA: HEMLOCKE SPRINGS. Alternative-Pop aus Australien: MAY-A. Queer-Pop made in Austria: LUKAS OSCAR. Androgyner New-Wave-Pop aus Deutschland: NILS KEPPEL. Feministischer Rap-Pop aus Belgien: BLU SAMU. Songs für einsame «Katzenfrauen»: MITSKI. Neue Queer-Country-Acts: AUGUST PONTHIER und BOY GOLDEN.


PEACHES

No Lube So Rude (Kill Rock Stars)

Merrill Nisker aka Peaches, die kanadische Wahlberlinerin und LGBTQI-Ikone, geht auf die 60 zu, ist aber kein bisschen leiser geworden. Die queer-feministische Musikerin und Performance-Künstlerin nutzt das Electroclash-Revival, um Geschichte und Zukunft ihres energischen Dance-Punk mit schlüpfrig-ironischen Texten zu erforschen. Auf «No Lube So Rude» bleibt Peaches die unangefochtene Königin der Provokation, eine starke Verfechterin der sexuellen Selbstbestimmung und eine Tabu-Brecherin, die die Auseinandersetzung mit Alter und Körperlichkeit bewusst sucht. «No Lube So Rude» ist eine wilde, kompromisslose Achterbahnfahrt durch sämtliche Körperflüssigkeiten, -Gerüche und Sexpositionen. Das Gleitmittel im Albumtitel setzt Peaches als Wunderwaffe gegen die Reibungen dieser verrückten Welt ein. Damit will sie die zwischenmenschlichen Kontakte lockern und deren Intensität in Kraft und Stolz verwandeln. «No Lube So Rude» ist ein Akt des Widerstands gegen die üblichen konservativen Kräfte, die queere Menschen lieber zum Schweigen bringen wollen.


CHARLI XCX

Wuthering Heights (Atlantic)

Mit dem Album «Brat» von 2024 hat die britische Sängerin Charli XCX plötzlich die Karriereleiter bis zur Spitze des internationalen Pop-Olymps erklommen. Das Hyper-Pop-Dance-Werk mit dem neongrünen Cover hat die Pop- und Internetkultur mit seiner Botschaft von Eskapismus, Selbstakzeptanz, Unabhängigkeit und Rebellion geprägt. Nach dem «Brat»-Sommer folgt nun die Ernüchterung. Im Film «The Document», der an der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde, wirft Charli XCX einen satirischen Blick auf die Schattenseiten der Musik-Industrie, die den «Brat»-Hype möglichst lange ausschlachten wollte. Doch Charli XCX schiebt dieser Profitgier den Riegel. Der «Brat»-Sommer ist endgültig vorbei. «Wuthering Heights» ist ein Konzeptalbum, inspiriert von der aktuellen Filmadaptation des Romanklassikers von Emily Brontë, ein literarisches Meisterwerk über unterdrückte Gefühle, Todessehnsucht, Scham und Rache. Charli XCX wandelt wie ein Geist von Song zu Song durch eine gotische Spiegelgalerie und vereint Autotune-Effekte mit Synthie-Wolken und vielen Geigen. Das Album ist der glückliche Ausdruck ihrer künstlerischen Emanzipation.


HEMLOCKE SPRINGS

The Apple Tree Under The Sea (Hemlocke Springs / AWAL)

Die nigerianisch-amerikanische Musikerin Isimeme Naomi Udu ist in einem streng katholischen Haushalt in einem Kaff in North Carolina aufgewachsen. Im späten Teenage-Alter hielt sie das nicht mehr aus und flüchtete deswegen nach Los Angeles, die inzwischen zu ihrer neuen Wahlheimat geworden ist. In der Anonymität der Grossstadt und des Internets schuf sie ihr Alter Ego Hemlocke Springs, damit ihre Eltern sie auf TikTok nicht finden konnten. Ihre ersten Bedroom-Pop-Songs, die sie auf TikTok veröffentlichte, gingen schnell viral. Diese Erfolge bescherten ihr eine Tour in Vorprogramm von Chappell Roan und führten sie zu ihrem aktuellen Produzent Matthew James Burns (Lady Gaga, Charli XCX, etc.). Auf ihrem Debüt «The Apple Tree Under The Sea» erzählt Hemlocke Springs in zehn unkonventionellen, schrägen und leicht creepy Songs ihren Weg zur Freiheit und Weisheit. Sie kombiniert fantasievoll glitzernde, verträumte Pop-Vibes mit 2000er-Pop-Referenzen und nostalgischem, cheesy Synth-Pop.


MAY-A

Goodbye (If You Call That Gone) (MAY-A PTY LTD – SONY MUSIC AUSTRALIA)

Für die heute 24-jährige australische Singer-Songwriterin Maya Cummings oder schlicht May-a schein der Traum einer Pop-Star-Karriere zum Greifen nah zu sein, als sie 2021 nach Los Angeles umzog und von einem Platten-Major unter Vertrag genommen wurde. Aber sie täuschte sich gewaltig. Nach zwei EPs musste Maya die Zusammenarbeit wegen grosser musikalischer Differenzen beenden. Das aktuelle Album-Debut «Goodbye (If You Call That Gone)» ist eine Abkehr vom konturlosen Bedroom-Pop ihrer Anfänge und eine kühne Erklärung ihrer persönlichen und musikalischen Identität. May-a verwischt die Grenzen zwischen Pop, Rock, Indie und Alternative. Auch ihre frühere Angst, als lesbische Künstlerin für ein rein lesbisches Publikum gesehen zu werden, konnte sie inzwischen auch ablegen.


LUKAS OSCAR

Everything’s Built To Last (Lukas Oscar)

Vor zehn Jahren hat der damals 13-jährige Lukas Janisch die vierte Staffel von «The Voice Kids» gewonnen. Der queere Singer-/Songwriter und Produzent mit philippinischen Wurzeln nennt sich inzwischen Lukas Oscar und zählt zu den spannendsten Pop-Acts aus Österreich. Sein zweites Album «Everything’s Built To Last» funktioniert wie ein musikalisches Tagebuch über den schwierigen Prozess, das innere Gefühlschaos zu entrinnen und das emotionale Gleichgewicht zu finden. Der sehr zeitgenössische, genreübergreifende und fluider Sound setzt auf Kontraste, hüpft zwischen Euphorie und Melancholie und changiert zwischen Soul, Bedroom-Pop und Electro. Auf „Everything’s Built To Last“ hat Lukas Oscar endgültig eine eigene künstlerische Sprache gefunden. Statt auf Coolness setzt er mehr auf emotionale Tiefe und Introspektion.


BLU SAMU

(K)NOT (Animal63)

Blu Samu, die belgisch-portugiesische Rapperin und Sängerin, hat ihren Flow aus Postpunk, Drum’n’Bass und Fado entwickelt. Nachdem sie sich zunächst in der Welt des Rap etabliert hat, markiert ihr Debüt (K)NOT eine Wende in musikalischer und persönlicher Hinsicht. Im vielschichtigen und introspektiven Werk widerspiegeln sich viele Fragmente ihres Lebens und Emotionen. Für Blu Samu bedeutet (K)NOT die Möglichkeit, ihre künstlerische Freiheit zu demonstrieren und sich von jeglicher Etikettierung zu befreien. Nach einem Jahrzehnt auf den belgischen Bühnen und einer Handvoll EPs hat Blu Sam ihre ganze Geschichte nun in 11 Songs eingefangen, die von Punk, langen Nächten in Elektronik-Klubs und last but not least auch vom Fado ihres Heimatlands geprägt sind. (K)NOT) ist eine sorgfältig konstruierte musikalische Reise, wo Selbstzweifel, Scham und Unsicherheiten mit starken Songs erfolgreich überwunden werden.


NILS KEPPEL

Super Sonic Youth (recordJet)

Nils Keppel, der Wahlleipziger mit pfälzischen Wurzeln, hüllt sich auf seinem Debüt «Super Sonic Youth» musikalisch und ästhetisch in der Düsterkeit des Wave-Pop der 80er-Jahre. Der Sänger mit dem weiss bemalten Gesicht bezieht sich auf die No-Future-Stimmung des 80er-Punk, um den Zustand seiner Generation zu beschreiben, die aufgrund der Erfahrungen mit der Corona-Pandemie ungerecht ihrer Jugend und Zukunft beraubt wurde. Auf «Super Sonic Youth» reflektiert Nils Keppel den Geist einer zu schnell gelebten Jugend und sucht trotz der Katastrophenstimmung einen Ausweg aus der Aussichtslosigkeit. Gemeinsam mit Produzent Lukas Korn (Drangsal, Mia Morgan) surft er die Neue Neue Deutsche Welle zwischen melancholischem Dark Wave, wuchtigem Post-Punk, Gitarrenriffs und Dream-Pop. Seine dramatischen Vocals kollidieren wunderbar mit der betont kalten Instrumentierung. Das ist grosses Kino auf Albumlänge.


MITSKI

Nothing’s About To Happen To Me (Dead Oceans/Secretly/Cargo)

Die 35-jährige Mitski Miyawaki oder kurz Mitski ist der Indie-Star der Generation TikTok. Trotz dem Internet-Hype appelliert Mitski auf ihrem achten Album «Nothing’s About To Happen» an den Rückzug in die Stille. Die in Japan geborene US-Singer-Songwriterin schlüpft in die Rolle einer einsamen Katzenfrau, die sich nur in ihrem abgelegenen Haus auf dem Land frei und sicher fühlt und sich vor der Aussenwelt fürchtet. Das Bild einer weissen Katze ziert prominent auch das Albumcover. Musikalisch bildet das neue Opus ein Destillat ihres bisherigen Schaffens. Mitski pendelt zwischen Dark Americana, Country, Folk, Barock-Pop, Dream-Pop und Indie-Rock. Sie nutzt den Rückzug in die Isolation, um Einblick in ihre psychischen Abgründe zu gewähren.


AUGUST PONTHIER

Everywhere Isn’t Texas (Nowhereland Sounds)

Allison Ponthier hat zwischen 2021 und 2024 drei EPs veröffentlicht und gilt als lesbisches Pendant zu Kacey Musgraves und Sabrina Carpenter. Im Jahr 2025 hat sich Ponthier als nicht binär geoutet und trägt seitdem den Vornamen August, um der neuen Geschlechtsidentität gerecht zu werden. Ponthiers neues Album, das Country-Pop-Hybrid „Everywhere Isn’t Texas“ thematisiert nicht nur das Coming-Out als nicht binär, sondern auch Ponthiers komplizierte Beziehung zu ihrem Heimatstaat Texas, den Ponthier 2018 für das sexuell offene Brooklyn verliess. Als queere Person, die im konservativen Süden der USA aufgewachsen ist, fühlte sich August Ponthier in ihrer Heimatsstadt Allen oft wie das ausserirdische grüne Wesen, das auch auf dem Plattencover erscheint. Inzwischen hat sich August Pointhier mit Texas versöhnt und dort sogar die Plattentaufe gefeiert.


BOY GOLDEN

Best Of Our Possible Lives (Six Shooter Records)

Hinter Boy Golden versteckt sich der schwule kanadische Alternative-Country- und Folk-Singersongwriter Liam Duncan. Die Figur des Boy Golden, einer Art Cowboy der Generation Z, ermöglicht es Duncan, sich der Geschlechtercodes der Country-Musik zu bedienen und gleichzeitig persönliche Themen zu behandeln. Liam Duncan fühlt sich im Indie-Pop-Folk, Blues und Country-Rock gleichermassen zuhause. Seine bisherigen Alben brachten ihm stets jeweils eine Nominierung für die kanadischen Grammys ein, die Juno Awards. Auf «Best Of Our Possible Lives» erzählt Boy Golden die Geschichte der Entdeckung des eigenen Ichs und umarmt furchtlos seine eigene Queerness. Auf “Cowboy Dreams” und “Moontan” duettiert Boy Golden mit der queeren Sängerin Cat Clyde, mit er gemeinsam auf Tour geht.


SENDUNG HÖREN


Playlist


Die Musiktipps von DJ Corey immer am 1. Sonntag im Monat im QueerUp Radio auf Radio RaBe
https://queerupradio.ch

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.