«Es ist sehr wichtig, über den Tod zu sprechen»

Im Gespräch mit der Trauerrednerin Rita Scheurer

Rita Scheurer hält an Abdankungen die Trauerrede. Um möglichst viel aus dem Leben der Verstorbenen zu kennen, trifft sie sich zuvor mit den Angehörigen und lässt sich Geschichten aus dem Leben erzählen. Mit ihrer Rede an der Abschiedsfeier will sie die Menschen berühren, aber auch das Bewusstsein stärken, dass es doch schön sei, selber noch am Leben zu sein, und etwas Gutes daraus machen zu können. Ludwig hat sich mit Rita getroffen, um über den Tod zu sprechen.

Der Autor Ludwig Zeller und die Trauerrednerin Rita Scheurer.

Wenn ich Rita und ihre Partnerin besuche, werde ich von Hund Tapas mit Bellen begrüsst. Doch als ich diesmal an der Haustür klingle, bleibt es ruhig. Rita öffnet und begrüsst mich mit ihrem freundlichen Lächeln, doch kein Hund ist zu hören. Was mit Tapas los ist, möchte ich natürlich sofort wissen. «Ach, sie ist krank», sagt Rita, «der Tierarzt hat einen Tumor entdeckt. Sie hat nicht mehr lange zu leben. Wir machen ihr jetzt noch eine schöne Zeit». So sind wir schon an der Haustüre beim Thema angekommen, weshalb ich Rita besuche. Sie hat oft mit dem Tod zu tun, denn sie ist Trauerrednerin – allerdings für Menschen, nicht für Hunde. Ich will von ihr mehr erfahren, was sie in der Funktion als Trauerrednerin macht und wie das so ist, mit Hinterbliebenen über Verstorbene zu sprechen. Rita und ich kennen uns schon seit ungefähr 30 Jahren. Damals war sie, wie ich, DJ. Ich bin immer noch am Auflegen in Clubs. Doch Rita trifft man heute weniger an Partys – dafür an Abschiedsfeiern.


Früher hast du die Leute zum Tanzen gebracht, heute sprichst du vor Trauernden über Verstorbene – und bringst sie vielleicht zum Weinen. Wirkt auf den ersten Blick wie zwei sehr unterschiedliche Aufgaben. Gibt es dennoch Gemeinsamkeiten?

Ich denke schon: eine gewisse Stimmung rüberbringen oder schöne Momente schaffen. Bei einer Abschiedsfeier ist die Musik ebenfalls ein wichtiger Teil. Ich empfehle Musik auszuwählen, die zur Person passt, die gestorben ist. Partys und Abschiedsfeiern haben also schon eine gewisse Ähnlichkeit. Früher berührte ich die Menschen nur mit Musik, heute halt mehr mit Worten.

Bei beiden wird das Leben gefeiert. An einer Party feiern wir, wie der Partyklassiker aussagt, «Born To Be Alive», an einer Trauerfeier wird ebenfalls das Leben gefeiert, das Leben der verstorbenen Person und unsere Erinnerungen an sie. Ich kenne das aus eigener Erfahrung von den Trauerfeiern, die ich besuchte. Danach ist man sich des eigenen Lebens und dessen Endlichkeit wieder stärker bewusst.

Das kann man so sagen. Eine Abschiedsfeier hat ihre traurigen Momente, weil man eine geliebte Person verloren hat. Doch ich versuche mit meiner Rede den Trauernden Dankbarkeit mitzugeben, selbst noch am Leben zu sein. Ich will sie auch bestärken, eine Leidenschaft oder eine Kraft des/der Verstorbenen, weiterzutragen. Ich freue mich, wenn die Leute an einer Abschiedsfeier auch mal lachen können. Wenn ich beim Rausgehen der Gäste höre, wie sie sich lustige Anekdoten erzählen, ist das schön. Doch es berührt mich auch sehr, wenn die Trauernden ihre Schleusen öffnen und weinen. Meistens passiert das, während dem Musik läuft.

«Ich freue mich, wenn die Leute an einer Abschiedsfeier auch mal lachen können.»

Wie bist du eigentlich darauf gekommen, Trauerrednerin zu werden?

Ich habe ein paar ganz schlechte Trauerreden erlebt. Und ich fand, das hätte man besser machen können, einfach viel persönlicher. Aber ich habe auch ein paar sehr gute gehört, bei denen ich dachte, da ist Herzblut dabei und die Rede entspricht der verstorbenen Person und deren Angehörigen. Zudem schreibe ich gerne und mag es, vor Menschen zu sprechen. Auch als Coach begleitete ich oft Menschen in Ausnahmesituationen. Trauerrednerin zu sein beinhaltet all das. Als Trauerrednerin darf ich die Hinterbliebenen alles fragen und erfahre dabei sowohl Düsteres wie Fröhliches. Das sind oft spannende Lebensgeschichte. Daraus dann eine Rede zu machen, die dem Menschen entspricht und den Hinterbliebenen gefällt, ist eine sehr befriedigende Aufgabe.

Du hast eine Schule besucht, um Trauerrednerin zu werden, und bist jetzt zertifiziert. Du bist auch bei Amanos dabei, ein Netzwerk für freie Abschiedsfeiern. Zudem bringst du einen Rucksack voll Erfahrungen mit als Pflegefachfrau, Coach, Erwachsenenbildnerin und Bloggerin. Du hast schon viel gelernt, doch was waren neuen Erfahrungen für dich als Trauerrednerin?

Schön ist, dass ich mit ganz neuen Leuten in Kontakt komme. Als Trauerrednerin treffe ich einerseits wenige Tage nach dem Todesfall eine mir bis anhin unbekannte Familie. Andererseits ist da der Kontakt mit Bestatterinnen und Bestattern und die Begegnungen mit Friedhofs­gärtner*innen, die mich immer sehr unterstützen. Vor allem am Anfang, als ich die Abläufe noch nicht so gut kannte. Auch die Gestaltung einer Abschiedsfeier war für mich neu, besonders wenn sie in der Natur stattfindet. Natürlich trat ich manchmal auch in ein Fettnäpfchen. In den zweieinhalb Jahren, in denen ich das nun mache, habe ich sehr viel dazugelernt.

Auf deiner Homepage schreibst du, was dich antreibt, sei es, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu begleiten. Mal böse gefragt: Was interessiert dich am Unglück der anderen?

Die Schattenseiten der Menschen interessieren mich, Geschichten, die davon erzählen, dass es nicht immer so läuft, wie wir es gerne hätten. Dort einzutauchen und nachzufragen, finde ich spannend. Die Menschen sind meistens dankbar, davon erzählen zu können.

«Die Schattenseite der Menschen interessieren mich, Geschichten, die davon erzählen, dass es nicht immer so läuft, wie wir es gerne hätten.»

Das setzt voraus, dass du selbst stark bist und in dir gefestigt. War das auch mal anders, warst du schon in einer schwierigen Lebenssituation, in der du Hilfe brauchtest?

Als meine Mutter 2015 starb, hat ein Bekannter der Familie die Trauerrede gehalten. Ich hätte sie zwar nicht so gemacht, aber zu meiner Mutter passte sie. Damals war ich enorm froh, dass jemand da war, der mich und meine Geschwister in dieser Zeit unterstützte, und half die Abschiedsfeier zu gestalten. Während dieser Phase muss man ein Stück weit einfach funktionieren, denn die Zeit zwischen Todesfall und Abschiedsfeier ist meistens sehr kurz. Wenn jemand da ist, an den man sich wenden kann, ist das sehr hilfreich.

Nun hilfst also du den Hinterbliebenen. Wie bereitet man so eine Rede und eine Feier vor?

Ich treffe mich mit den Angehörigen zu einem Gespräch. Da gibt es bestimmte Eckdaten, die ich wissen muss, wie beispielsweise, wie die Person gestorben ist. Oft wissen das nämlich nicht alle, die zur Abschiedsfeier kommen. Besonders schwierig ist es nach einem Suizid. Da kläre ich genau ab, was ich darüber überhaupt sagen kann oder darf. Aber ich frage auch immer nach den Höhepunkten im Leben der Verstorbenen, und auch nach deren Schwierigkeiten. Bei Letzteren kommt von den Angehörigen dann oft der Nachsatz, dass ich darüber besser nicht reden soll. Ich versuche solche Themen in der Rede dann nur anzudeuten. Dann wissen die Leute, dass es im Leben dieses Menschen nicht nur einfach war. Oder ich spreche einen Dank aus an die Angehörigen, dass sie diese schwierigen Zeiten mitgetragen haben. Doch daraus soll keine grosse Sache gemacht werden. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass man die Menschen nicht heiligsprechen soll. Früher hiess es, über Tote darf nicht schlecht gesprochen werden. Doch ich finde, wenn alle wissen, dass der Verstorbene stur war, darf das in die Rede einfliessen.

«In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass man die Menschen nicht heiligsprechen soll.»

Als mein Vater starb, trafen meine Familie sich mit der Pfarrerin, die seine Abschiedsfeier vorbereitete. Ich kann mich noch gut daran erinnern, weil es ein sehr schönes Gespräch war, bei dem viele Erinnerungen wach wurden an unseren Vater.

Bei so einem Gespräch muss man sich, ob Pfarrerin oder Trauerrednerin, viel Zeit nehmen und gut zuhören. Ich lasse die Angehörigen einfach davon erzählen, was sie mit dem Toten verbunden hat, was seine Leidenschaften waren und welches die spannenden Geschichten in seinem Leben waren. Ich versuche dann, aus diesen Anekdoten die interessantesten in die Rede einzubinden.

Bei uns war es eine Pfarrerin. Du hast als freie Trauerrednerin jedoch keine Kirche im Rücken. Würdest du dich als konfessionslos bezeichnen?

Ich lasse mich nicht gerne in eine Schublade stecken. Ich empfinde mich nicht als besonders religiös oder spirituell. Doch habe ich solche Seiten auch in mir. Meine Kunden möchten zwar keinen Pfarrer und meist nicht in der Kirche feiern, doch manche möchten am Schluss dann doch ein «Vater unser» beten. Auf diesen und andere Wünsche lasse ich mich gerne ein.

Hast du auch schon für eine Person aus der LGBT-Community eine Abschiedsfeier gestaltet?

Erst vor kurzem für eine jüngere Frau. Doch das war nicht das zentrale Thema bei dieser Feier. Aber am Schluss der Feier haben alle ihre Wünsche für die Verstorbene auf Regenbogenkarten geschrieben. Das war ein sehr stimmiges Ritual. Und dann habe ich auch noch für die Mutter eines befreundeten Männerpaars gesprochen. Ich würde sehr gerne Trauerreden für queere Menschen oder deren Angehörige halten.

Wir beide kommen aus einer Generation, welche die Aidskrise miterlebt hat. Damals sind viele aus unserer Community viel zu früh gestorben. Wir sind also schon in jungen Jahren mit dem Tod konfrontiert worden. Heute sind wir in dem Alter, in dem die Grosseltern schon länger tot sind und der der Eltern bevorsteht oder schon passiert ist. Doch Trauer und Tod ist in unserer Gesellschaft eher ein Tabuthema. Wie findest du, sollten wir das Thema enttabuisieren?

Ich finde es sehr wichtig, dass wir über den Tod sprechen. Besonders innerhalb einer Partnerschaft, schliesslich vertritt man nach dem Tod die Interessen des Partners oder der Partnerin. Ich und meine Frau führen darüber eine sehr offene Diskussion. Wo und wie willst du beerdigt werden? Was ist dir wichtig und wie könnte deine Abschiedsfeier sein? Auch mit den Eltern sollte man rechtzeitig drüber reden. Je älter sie werden, desto öfter sind sie an Beerdigungen und erzählen davon. Das ist eine gute Gelegenheit mit ihnen darüber zu reden, was sie sich wünschen nach dem Tod. Um das zu erfahren, braucht es manchmal mehrere Anläufe.

«Ich finde es sehr wichtig, dass wir über den Tod sprechen. Besonders innerhalb einer Partnerschaft, schliesslich vertritt man nach dem Tod die Interessen des Partners oder der Partnerin.»

Der Tod eines Angehörigen bringt viel mit sich. Da ist der Nachlass, das Organisieren der Trauerfeier, die Beerdigung und natürlich die ganz persönliche Trauer. Die Trauerrede ist nur ein kleiner Teil davon.

Ich machen zurzeit eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. So kann ich die Hinterblieben noch besser unterstützen. Doch bei einer Abschiedsfeier organisieren die Bestatter*innen, mit denen ich zusammenarbeite sehr viel. Mit meinen Erfahrungen als Coach kann ich jedoch schon jetzt gut Hinweise geben, wenn es in der Familie Unstimmigkeiten über die Art und Weise der Feier gibt. Kürzlich sage mir jemand, dass sein Bruder am liebsten gar nichts machen würde zur Abdankung. Er selbst sehe das aber nicht so. Ich empfehle dann, etwas Einfaches zu machen. Wichtig finde ich, dass die Angehörigen einen Kompromiss finden, und ich unterstütze sie dabei.

Was macht eine gelungene Abschiedsfeier und zufriedene Kundschaft aus? Was ist dein Ziel?

Für mich ist es wichtig wertschätzend umzugehen mit der Geschichte des Verstorben und dabei genau zu sein. Auch will ich die Angehörigen nach Möglichkeiten in den Prozess miteinbeziehen. Die Musikwahl ist dabei oft ein wichtiges Thema. Ich empfehle den Leuten auch immer, nach der Feier noch etwas zusammen zu unternehmen, ein gemeinsames Essen, einen Spaziergang oder so. Das hilft, einen Weg zurück ins Leben zu finden. Das stärkt auch den Zusammenhalt in der Familie.

Als freie Trauerrednerin darfst du nicht in der Kirche reden, die ist dem Pfarrer und der Pfarrerin vorbehalten. Wo hältst du die Abschiedsfeiern, und welche ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Oft in einer Kapelle auf dem Friedhof, auch schon im Säli eines Landgasthofs, und manchmal im Freien. Sehr berührt hat mich eine Abschiedsfeier auf der Bütschelegg. Eine Familie begrub am Waldrand die Asche des Grossvaters. Kleine Kinder waren dabei und ich erzählte die schöne Geschichte aus dem Kinderbuch «Leb wohl, lieber Dachs» von Susan Varley. Ich hatte einen Rasierpinsel aus Dachshaar dabei. Die Geschichte vom alten und müden Dachs, der ihn die Höhle geht, um zu sterben, hat auch die Kinder berührt. Sie waren zwar dort unter dem Baum sehr traurig, aber später rannten sie über die Wiese und liessen einen Drachen steigen, während die Erwachsenen über Erinnerungen an den Verstorben redeten. Das war eine wunderschöne Abdankung.

Du musst eine Rede schreiben über einen Menschen, den du gar nicht gekannt hast. Du hast also nur Infos aus zweiter Hand.

Für mich wäre es schön, wenn ich mit den Menschen reden könnte, bevor sie sterben. Kürzlich konnte ich das auch. Eine Bekannte sagte mir, dass ihre Mutter gerne ihre Lebensgeschichte aufzeichnen möchte. Da war ich sofort dabei. Ich traf eine quicklebendige, 86 Jahre alte Frau, die mir ihre Geschichte erzählt hat. Daraus ist ein Büchlein entstanden. Beim Lesen waren ihre Töchter sehr berührt. Jetzt wird das Büchlein beiseitegelegt, und bei Bedarf wieder hervorgeholt.

Du hast jetzt schon einige Trauerreden gehalten und mitgeholfen Abschiedsfeiern zu organisieren. Hast du deine eigene auch schon geplant?

Tatsächlich habe ich mir in einem Podcast MY LAST GOODBY von Franziska von Grünigen darüber schon Gedanken gemacht. Ich weiss nicht, ob es vielleicht eine Zumutung wird für die Zurückgebliebenen. Ich wünsche mir, dass bei meiner Abdankung mit einem guten Glas Wein das Leben gefeiert wird. Und dass die Anwesenden dabei froh sind, mich gekannt zu haben und mit mir ein Stück auf dem Lebensweg gegangen zu sein.


Während Rita und ich uns über das ernste Thema Tod unterhielten und dabei auch einige Male lachen konnten, hat ihre Partnerin in der Küche gekocht und Tapas lag dösend unter dem Tisch. Pünktlich zum Schluss des Interviews war das Essen parat. Wir sprachen über andere Sachen in unserem Leben und unser nächstes Treffen. Unser alljährliches Austern-Schlemmern steht nämlich kurz bevor. Denn eins ist uns beiden gewiss, wir geniessen das Leben, solange wir können, und sind froh, wenn wir manchmal ein Stück auf diesem Weg zusammen gehen können. Ich bedanke mich für das Gespräch und verabschiede mich. Bis zum nächsten Mal!

scheurer-abschiedsfeiern.ch

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