Polyamouröse Beziehungen

Eine konstante Konfrontation mit Heteronormativität

Jede Freundschaft ist einzigartig, das versteht jeder Mensch. Wir lieben unsere Freund*innen — und pflegen sogar mehrere Freundschaften gleichzeitig. Das heisst, polyamouröse Beziehungen sind eigentlich gang und gäbe. Dann stellt sich die Frage: Wieso machen wir nicht das gleiche mit unseren sogenannten Liebesbeziehungen? In diesem Artikel spreche ich, als polyamouröser, bisexueller, cis Mann, kurz und bündig über einige wichtige Punkte zu polyamouröse Beziehungen, um den Versuch zu wagen, etwas Klarheit zu schaffen. 

Wie wir Liebesbeziehungen definieren ist eine Konstruktion 

Jeder Beziehungstyp ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Wir definieren Beziehungen in Kategorien und haben gewisse Erwartungen und Anforderungen. Die sogenannten Liebesbeziehungen werden in unserer Gesellschaft, im Gegensatz zur Freundschaft, monogam gestaltet. Wenn wir über monogame Liebesbeziehungen nachdenken, werden wir merken, dass sie eigentlich sehr komplex sind. Zu komplex?: Als polyamouröser, bisexueller, cis Mann hinterfrage ich unsere Definition von Liebesbeziehung. Das sollte nicht als Imperativ ankommen: Jeder Mensch darf und soll, im Konsens mit anderen Menschen, die Beziehungen pflegen und aufbauen, die sich für die Beteiligten richtig anfühlen — sei die Beziehung monogam, polyamourös, offen oder geschlossen. 

Regeln, Regeln und noch mehr Regeln

Am besten beginnen wir kurz mit dem sexuellen Verhalten, um uns dem Thema anzunähern. Wir unterscheiden hauptsächlich zwischen zwei Beziehungstypen: offen und geschlossen. Wenn aber jede sogenannte offene Beziehung genauer angeschaut wird, dann entdecken wir grosse Unterschiede innerhalb von dem was als offene Beziehungen benannt wird. Von Paaren, die bis ins kleinste Detail alles Besprechen, bis zu diejenigen, die lieber gar nichts über die sexuellen Abenteuer ihrer Partner*innen erfahren möchten. Was macht die Unterschiede aus?: Regeln, Regeln und noch mehr Regeln. Der Schritt in eine offene Beziehung löst oftmals viele verschiedene Ängste aus. 

Ängste spielen eine grosse Rolle in unserer Vorstellung von Liebesbeziehung

Verlustängste und Kontrollverlust tauchen immer wieder auf, vor allem wenn es sich um Regeln innerhalb von Liebesbeziehungen handelt. Wir haben Angst unsere Beziehungen zu verlieren und plötzlich komplett einsam dazustehen. Eine Beziehung wird oft als ein Besitztum betrachtet: Wir besitzen unsere Beziehung und möchten sie deshalb kontrollieren. Hier kommen wir in Kontakt mit den gesellschaftlichen Normen: Unsere Idee von Liebesbeziehung ist heterosexuell geprägt und basiert auf patriarchale Machtverhältnisse — exklusive Reproduktionsrechte und legitimierte Eifersucht, als Kontrollmechanismus. 

Eifersucht ist kein Zeichen für Liebe

All diese Ängste und Machtbeziehungen sind in uns verankert. Die ganze Gesellschaft basiert auf diese Definitionen von Liebesbeziehung. Eifersucht ist deshalb auch in polyamouröse Beziehungen präsent und ganz normal — der Unterschied liegt im Umgang damit: Eifersucht zu fühlen ist kein Zeichen für Liebe und gibt deshalb keine Rechte auf Konflikt und toxisches Verhalten. Eifersucht ist hingegen ein Zeichen für Angst, die legitim und normal ist und ein Zeichen für verinnerlichte Heteronormativität. Ein Gefühl, das immer mit Respekt angegangen werden sollte. Vor allem aber, ein Gefühl, das nur die eifersüchtige Person überwinden kann. Deshalb als Tipp für jede Art von Beziehungen: Sprechen, sprechen, sprechen — respektvolle Kommunikation ist alles. 

Jede Beziehung ist einzigartig

Momentan bin ich in zwei Beziehungen: eine Beziehung mit einer pansexuellen, cis Frau und eine mit einem schwulen, cis Mann. Diese beiden Beziehungen sind nicht vergleichbar — jeder Mensch ist einzigartig, so auch die Beziehungen mit diesen Menschen. In meinem Freundeskreis tauchen immer wieder die gleichen Fragen auf: Beliebt ist die Frage, ob mir in meiner monogamen Liebesbeziehung etwas fehlen würde. Der Ansatz ist hier komplett falsch: an Beziehungen vorgegebene und standardisierte Erwartungen und Anforderungen zu stellen, ist definitiv nicht der Weg. Vielmehr sollte man den Menschen so nehmen wie er ist und sich die Frage stellen: Was möchte ich mit dieser Person? Was fühle ich? Wenn die Zustimmung in beide Richtungen geht — dann haben wir eine Beziehung: Herzlichen Glückwunsch!

Die emotionale Kapazität ist nicht unendlich

In der polyamourösen Literatur ist übrigens die Rede von Lieblingsmenschen. Das heisst, eine Person kann Beziehungen mit mehreren Lieblingsmenschen pflegen und aufbauen. Es ist eigentlich alles möglich — Hauptsache es wird darüber gesprochen und alle sind damit einverstanden. Durch eine ehrliche Kommunikation können Probleme oder Wünsche ausgesprochen werden. Das heisst das Vertrauen basiert viel mehr auf Kommunikation und nicht auf Regeln. Kommunikation und Gefühle sind aufwändig. Ich selbst habe festgestellt, dass meine emotionale Kapazität nicht unendlich ist. Mehr als zwei Beziehungen kann ich mir nicht vorstellen — mehr Kapazität habe ich nicht. 

Polyamouröse Beziehungen sind eine Konfrontation mit der verinnerlichte Heteronormativität

Hört sich alles eigentlich ganz einfach an. Wenn da nicht die ganzen Ängste und verinnerlichte Heteronormativität wäre, die immer wieder zum Vorschein kommen und Regeln möchten, um Sicherheit und Kontrolle zu fühlen. Deshalb sind polyamouröse Beziehungen eine Konfrontation mit den gesellschaftlichen Normen. Vor allem die verinnerlichte Heteronormativität wird ständig in Frage gestellt und Regeln werden immer wieder, in einem laufenden Prozess, angepasst. Polyamourös ist vielleicht auch nicht für jeden Menschen geeignet. Ich habe das Gefühl, dass es mich freier gemacht hat — die Liebe fühlt sich nicht mehr eingesperrt. 


Die Polyamorie Flagge

Die Pride Flag für polyamuröse Personen wurde von Jim Evans designt. Der blaue Streifen steht für Offenheit und Ehrlichkeit mit allen Partner*innen mit denen ein Mensch in einer Beziehung ist, rot steht für Liebe und Leidenschaft und schwarz steht für Solidarität für die polyamurösen Menschen, die sich nicht outen können. Das Pi-Zeichen in der Mitte steht für den Anfangsbuchstaben von Polyamorie und das Symbol ist golden, um die Wichtigkeit von emotionalen Beziehugen (gegenüber sexuellen Beziehungen) zu symbolisieren.

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