«Vieles hat sich geändert, nur der Sex ist gleich geblieben»

40 Jahre Saunaclub Sundeck

bern.lgbt hat sich mit dem Geschäftsführer Erich und seinem Stellvertreter Enrico über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gay-Sauna in der Länggasse unterhalten. Ganz neu ist, dass sie jeden Freitag einen Mixed Day anbieten.

Wir schreiben das Jahr 1982. Zwar stand damals in jeder Wohnung ein TV-Gerät, doch kein Computer. Mobile Telefone kannte man nur aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise. Zwischen Ost und West stand eine Mauer, man sprach vom Kalten Krieg – doch über Homosexualität wurde nicht gesprochen. Aids war nur eine obskure Schreckensmeldung über eine Schwulen-Seuche aus New York. In Bern trafen sich schwule Männer damals im Kellerlokal Ursus Club oder bei den Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern an der Brunngasse im HAB-Stübli. Wer dort keinen (Sex-)Partner fand, suchte per Kontaktanzeige, im Park und auf öffentlichen Toiletten danach. Es war eine ganz andere Zeit, als vor 40 Jahren Fred und Peter das Sundeck eröffneten. Eine der ersten Gay-Saunas in Bern, in der Männer nicht nur schwitzen konnten, sondern auch Sex fanden. Sie ist bis heute diskret über einen Hintereingang zugänglich und befindet sich in der obersten Etage eines Hauses an der Länggassstrasse. Die Männer kamen in Scharen – und sie kommen immer noch. Ludwig hat das Sundeck besucht um sich mit dem Geschäftsführer Erich und seinem jüngeren Stellvertreter Enrico über den bevorstehenden 40. Geburtstag zu unterhalten.

Enrico und Erich

Ich werde im Büro empfangen von Erich, der ü50er, der seinen jugendlichen Charme behalten hat, und Enrico, der Mittdreissiger, der eine entspannte Ruhe ausstrahlt. Erich hat schon kurz nach der Eröffnung im Sundeck zu arbeiten begonnen. 1985, um genau zu sein. «Also mein Jahrgang!» bemerkt Enrico, der vor 15 Jahren erstmals im Sundeck an der Bar arbeitete und seit 2019 fest angestellt ist. Erich wurde 2003 Stellvertreter des Gründers Fred und vor 5 Jahren hat er den Betrieb übernommen. Heute ist Enrico sein Stellvertreter. Er hilft nicht nur im Büro aus sondern hält auch die Anlage als Handwerker im Schuss. «Ein sehr diverser Job!» äussert sich Enrico zufrieden.

Im Sundeck gab es also wenig Personalfluktuation. Den Menschen, die hier arbeiten, gefällt es. «Für einen so kleinen Betrieb wie wir sind, haben wir ein recht grosses Team», erklärt Enrico und macht ein Kompliment an seinen Chef Erich: «Ich finde es supertoll mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich kann viel von ihm lernen». Ein gutes Klima beim Personal bemerken auch die Gäste, und die sind ihnen über all die Jahre treu geblieben. Wieso er seinen Job schon seit so vielen Jahren macht, begründet Erich so: «Ich finde Gay-Saunas eine gute Institution. Im Prinzip leisten wir eine soziale Dienstleistung. Auch heute gibt es viele Männer, die sich nicht getrauen, woanders schwule Kontakte aufzunehmen. Die finden es passend, dass sie hier keiner kennt, dass sie hier ausleben können, was sie wollen und dann wieder nach Hause gehen. Für viele sind wir auch ein Wohnzimmer. Wir haben Gäste, die mehrmals pro Woche zu uns kommen. Bei denen geht es nicht nur um Sex, sie lesen lieber, schauen TV, saunieren oder geniessen die Sonne auf unserer Terrasse. Es hat mich immer motiviert, dass wir Schwulen etwas anbieten können, die etwas zurückhaltender sind». Das zeigt sich auch daran, wie das Sundeck eingerichtet ist: Es ist von Licht durchflutet, und der grössere Teil der zwei Stockwerke ist nicht dem Sex zugeordnet, sondern dem entspannten Beisammensein. Etwas will Erich noch loswerden: «Das Schmuddel-Image, das Gay-Saunas früher hatten, ist überholt! Wir nennen uns nicht umsonst Sauna-Club. Es geht nicht nur um Sex, es geht auch um geselliges Zusammensein. Wer keinen passenden Partner findet, kann seine Zeit bei uns auch so gemütlich verbringen. Niemand soll frustriert nachhause gehen».

Zwei Herausforderungen: Aids und Covid

40 Jahre sind eine lange Zeit. Ich möchte von Erich wissen, was denn die grössten Änderungen sind. «Als ich damals anfing, ich war grad 20 Jahre alt, war wirklich noch alles anders», erzählt Erich und fügt lachend hinzu: «Nur eins ist bis heute gleichgeblieben: das was im Dampfbad und in den Kabinen abgeht – der Sex!» Eine erste grosse Herausforderung für das Sundeck war, als Aids nicht mehr nur ein Gerücht war, sondern die Krankheit tatsächlich auch in unserer Stadt angekommen ist. «Ich war damals fast monatlich an einer Beerdigung», erinnert sich Erich an diese schwere Zeit. Auch Peter, der mit Fred das Sundeck gründete, wurde 1992 Opfer von Aids. Die Gäste starben nicht nur weg, sie kamen auch nicht mehr aus Angst sich anzustecken. Dank den Präventionsmassnahmen hat sich das aber bald wieder verbessert. «In dieser Zeit bestellten wir Kisten voller Kondome. Ein grosser Unterschied zu damals ist, dass wir heute kaum mehr Pariser brauchen. PrEP sei Dank.» Auch die Handy-Kultur kommt dem Sundeck nicht entgegen. Wer unverbindlichen Sex will, muss heute nicht mehr in eine Gay-Sauna, ein paar Klicks auf dem Handy reichen schon aus. Was Erich auch auffällt: «Die Leute sind anspruchsvoller geworden. Es wird schneller reklamiert. Man erwartet oft zu viel von uns, und was wir alles zu akzeptieren haben».

Fast 30 Jahre nach Aids kam Covid, schon wieder ein Virus, der dem Sundeck das Geschäft vermieste. Wo siehst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede, möchte ich von Erich wissen. «Die Unsicherheit und das Nicht-Wissen bei den Leuten und in den Fachkreisen war, zumindest anfangs der Pandemie, gleich. Betraf Aids jedoch vor allem eine kleine Bevölkerungsgruppe, wurde Covid von allen wahrgenommen. Aus meinem Erleben starben bei der Aidskrise verhältnismässig mehr Leute, als bei Covid. Ein grosser Unterschied ist, dass wir während der Aidskrise keine Unterstützung erhielten. Das sind ja eh’ alles nur Schwule, Sünder vor Gott, die verdienen keine Hilfe, war die Meinung vieler damals. Bei der aktuellen Pandemie ist das ganz anders. Finanzielle Hilfe bekamen wir sofort und ohne Umstände». Doch Erich hat die Covid-Pandemie schon belastet, auch psychisch. Die Sauna war insgesamt 10 Monate geschlossen, und als sie wieder öffnete, kamen die Gäste nur spärlich. «Besonders hart war es für unsere Angestellten, die auf ihr Einkommen angewiesen sind. Das hat an mir genagt». Etwas Gutes konnten sie der Pandemie doch noch abgewinnen. Da sie dazu verpflichtet wurden, die Kontaktdaten ihrer Gäste aufzunehmen, konnten sie sich endlich ein Bild davon machen, woher ihre Gäste kommen. «Unser Einzugsgebiet ist ziemlich gross, sogar aus dem Wallis und dem Jura kommen sie regelmässig zu uns. Auch Touristen aus dem Ausland», freut sich Erich. Das mit den Kontaktdaten aufnehmen war nicht einfach. Enrico erzählt, dass erst kürzlich ein Gast ihm sagte, er habe eine Frau zuhause, er könne die nicht angeben, und ging wieder. «Viele unserer Gäste sind auf Diskretion angewiesen. Das hat uns einige Gäste gekostet.» Erich stammt aus einer Generation, die es leider gewohnt war, ihre Sexualität zu verstecken; doch Enrico ist in einer Zeit aufgewachsen, in der mit dem Schwul-Sein offener umgegangen wird. Wie ist das für ihn, wenn Ungeoutete vor ihm stehen? «Ich persönlich finde, man lebt am besten wenn man so früh wie möglich ehrlich ist gegenüber sich selbst und den anderen. Aber ich respektiere die Entscheidung, dass man sich nicht outen will. Bei uns ist jeder willkommen!»

Youngster und Mixed Day

Viele der Stammgäste im Sundeck sind aus der älteren Generation. «Also nicht nur, wir haben auch Junge, die regelmässig kommen» wenden beide unisono ein, «aber es sind schon weniger, als ältere». Wie wollt ihr mehr Junge in euer Lokal holen, frage ich Enrico. «Wir setzten jetzt auf digitale Medien und neu haben wir jeden Mittwoch einen Youngster Day, bei dem alle unter 30 Jahren für 19 Franken reinkommen. Zudem haben wir jeden Freitag einen Mixed Day». Waaas? Nach 40 Jahren, in denen nur Schwanzträger rein durften, wird das Sundeck jetzt für alle Geschlechter und Sexualitäten geöffnet? Das ist wirklich neu. Denn, als mich das Sundeck anfragte, ob sie auf bern.lgbt Werbung machen können, habe ich in unserem Archiv nach alten Artikel gesucht, und bin auf Folgendes gestossen: Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums erzählte Fred damals: «Die transsexuelle Coco war regelmässiger Gast, bis sie umoperiert wurde. So hat man es mit ihr ausgemacht, so hat sie es auch akzeptiert, denn im Sundeck sind strikte nur Männer zugelassen». Erich lacht «Ja, es brauchte etwas Zeit, aber auch wir bewegen uns. Ich hatte das schon länger im Kopf und wir haben viel diskutiert, doch der Mixed Day wurde bisher nie realisiert. Letztes Jahr haben wir dann bei unseren Gästen eine Umfrage gemacht und sie auch gefragt, was sie von einem Mixed Day halten würden. Es haben nicht nur überraschend viele Leute bei der Umfrage mitgemacht, die Hälfte stand auch einem solchen Tag positiv gegenüber. Das gab uns den Kick, den endlich umzusetzen, denn das Bedürfnis ist da».

Diverse Models gesucht

Um für den Mixed Day Werbung zu machen, sucht das Sundeck diverse Models. Geschlecht, Hautfarbe, Figur, Alter – egal, Hauptsache du bist stolz auf das, was du bist, und scheust dich nicht, dich zu zeigen. Interessiert?
Melde dich bei info@sundeck.ch.

Enrico findet es gut, dass sich die Geschlechter und Sexualitäten vermischen und dass es keine grosse Rolle mehr spielt, wer du bist –  einfach dass wir mehr zusammenkommen. «Heute getrauen sich die Leute eher mal etwas auszuprobieren. Es kann also auch ein Heteromann zu uns kommen, wenn er neue Erfahrungen sammeln will». Oder eine Frau, egal ob hetero, lesbisch oder trans. Um ihnen den Mixed Day schmackhaft zu machen, kommen sie zu einem reduzierten Preis rein. Als sie ihre Mitarbeiter darüber informierten, fragte einer: und was mache ich, wenn die Person sich als non-binär bezeichnet? Erich bleibt pragmatisch. «Da greifen wir auf das Physische zurück. Ist ein Schwanz vorhanden, zahlt die Person den Männereintritt, wenn nicht, den für Frauen». Übrigens, auch Paare profitieren am Mixed Day von einem ermässigten Eintritt. Dass sie mit dem Mixed Day auch einige Gäste verschrecken, ist ihnen schon klar, allerdings findet der ja nur einmal pro Woche statt, es bleiben also genug Tage übrig, in denen Penisse unter sich sind. «Wir erhoffen uns davon, dass neue Gäste kommen. Beim letzten Mixed Day habe ich schon ‹Gringe› gesehen, die noch nie da waren» sagt Erich. «Die Hemmschwelle ist etwas niedriger. Du musst dich nicht als schwul outen, wenn du an einem Mixed Day kommst. Du kannst ja behaupten, dass du wegen den Frauen da bist», sagt Erich mit einem schelmischen Lächeln. Wäre es nicht schön, stelle ich mir vor, wenn der Mann, der seine Kontaktdaten nicht angeben wollte, weil seine Frau nichts von seinen homosexuellen Ausflügen erfahren darf, mit ihr zusammen ins Sundeck kommen würde …?

Wie sieht die Zukunft des Sundecks aus?

«Im Oktober soll zum 40. Geburtstag ein grosses Fest stattfinden» kündigt Erich an. «Da wir in einer Wohnzone sind, ist es etwas schwierig, eine Ausnahmebewilligung zu erhalten. Wir wissen noch nicht genau, wie die Party sein wird, aber gefeiert wird bestimmt!». Enrico freut sich, dass nach der Aufhebung der 2G-Regeln mehr Beständigkeit eingekehrt ist, dass die Gäste wieder regelmässig kommen können. Am ersten Wochenende nach der Aufhebung der Massnahmen wurde das Bierlager des Sundecks jedenfalls komplett leergetrunken und als ich an einem gewöhnlichen Donnerstag Nachmittag nochmal in die Sauna gehe, um ein paar Fotos zu machen, sind viele Gäste anwesend und geniessen die Frühlingssonne auf der Dachterrasse.

«Wieso stundenlang auf dem Handy rumtippen? Wenn du spitz bist, komm einfach zu uns!»

Ich will von Erich und Enrico wissen, wie sie ihre persönliche Zukunft im Sundeck sehen. «Kein Kommentar! Schreib einfach, dass wir uns im Umbruch befinden». Doch eines ist gewiss: Das Sundeck bleibt, denn Gay-Saunas sind nach wie vor ein Bedürfnis. Erich glaubt sogar, dass die Leute von Online-Dating langsam genug haben. «Wieso stundenlang auf dem Handy rumtippen? Wenn du spitz bist, komm einfach zu uns!»

www.sundeck.ch

Kommentare
  1. Therry Picenoni sagt

    Mit IV Rente oder mit kleinem einkommen hat man es leider nicht einfach so neuen hinein zu kommen weil man es leider Preislich nicht Leisten kann Leider! Das macht eim nur traurig und verletzt in einem innerlich! Weil man lieber in diesen über 65 Jahren alt Ermässigung gibt und man den anderen Kategorien leider nicht so eine chasse gibt!

    1. Therry Picenoni sagt

      Früher war es eben noch anders gewesen das man Ermässigung gehabt hätte beim vor gänger!

  2. Sundeck sagt

    Hallo Therry, vielen Dank für dein Feedback. Wir haben uns dafür entschieden, diesen IV-Preis nicht mehr anzubieten. Selbst das Angebot für den Senioren-Preis findet man kaum in einer anderen Schweizer Gay-Sauna. Beste Grüsse dein Sun-Deck Team.

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