Wie Luca doch noch glücklich wurde …

… obwohl seine Mutter ihn lange nicht akzeptieren konnte. Ein Coming-out-Bericht.

Als sich Luca gegenüber seiner Mutter als schwul outete, übertraf ihre Reaktion seine schlimmsten Alpträume. «Die folgenden Tage waren die Hölle für mich», erzählt Luca in seinem Bericht über das schwierige Outing. Inzwischen kann Lucas Mutter es akzeptieren. «Wir hatten ein sehr gutes Gespräch nachdem wir den Film ‹Love, Simon› geschaut hatten».

Nach seinem schwierigen Outing gegenüber seiner Mutter schrieb Luca* ihr einen Brief, den sie aber nie zu Gesicht bekam. Stattdessen schickt er ihn an Pink Cross. Die leitete ihn an die Beratungsgruppe von hab queer bern weiter. Hermann von der Beratungsgruppe hat der Brief berührt und deshalb den Kontakt zu Luca gesucht. Er hat sich mit Luca getroffen und zusammen haben sie den Brief zu einem Bericht umgeschrieben, um ihn mit anderen zu teilen. Denn Luca glaubt, dass es vielen so geht wir ihm, die unter der Ablehnung der Eltern gelitten haben. «Somit kann mein Brief dennoch etwas Gutes bewirken».

*Die Namen im Bericht sind geändert.


Das Interview

Luca, du hast einen Bericht geschrieben über deinen langen Weg, um gegen den Widerstand deiner Mutter zu deiner Homosexualität zu bestehen. Inwiefern hatte deine Mutter, die im Balkan aufgewachsen ist, Mühe damit, einen schwulen Sohn zu haben?

Meine Mutter beharrte darauf, sie habe sich entschieden, heterosexuell zu sein, und ich solle dasselbe tun. Dort, wo sie herkommt, gilt Homosexualität als grosse Schande. Meine Mutter wurde dementsprechend erzogen.

Was hat die Ablehnung durch die Mutter bei dir ausgelöst?

Es war alles sehr schlimm. Ich rechnete damit, dass sie mich schlimmstenfalls aus dem Haus werfen könnte. Sie aber sagte sogar, sie überlege sich auszuwandern, um nicht im selben Land wie ihr schwuler Sohn leben zu müssen. Sie liess sich von mir nicht mehr umarmen und zeigte mir über einen längeren Zeitraum keine Liebe mehr. Das alles hat mich mehr getroffen, als ich es mir ausgemalt hatte.

Was hat es gebraucht, dass deine Mutter sich geöffnet hat?

Einige Jahre, nachdem ich beschlossen hatte, meine Homosexualität nicht mehr zu leugnen und auszuleben, ob nun mit oder ohne Segen meiner Mutter, hat sie angefangen, mein Schwulsein teilweise zu akzeptieren. Allerdings war ich in ihren Augen immer noch nur ein «halber Mann», weil ich nicht wie die meisten Männer auf Frauen stand. Dies hat sich mittlerweile ganz geändert. Ich denke, dass dies auch damit zusammenhängt, dass sie in einem anderen Bereich, jenem der Ernährung, die Voraussetzungen, die sie aus ihrer Herkunft mitgebracht hat, hinterfragt hat. Dadurch war es ihr wohl leichter möglich, auch hinsichtlich meiner sexuellen Orientierung Schritte zu machen.

Warum möchtest du diesen Bericht veröffentlichen?

Ursprünglich hatte ich den Bericht verfasst in der Absicht, ihn meiner Mutter zu geben in der Hoffnung, dass sie meine Homosexualität doch noch ganz akzeptieren würde. Die Situation hat sich nun insofern verändert, als diese Akzeptanz jetzt gegeben ist und meine Mutter und ich ein sehr gutes Gespräch hatten, nachdem wir den Film «Love, Simon» geschaut hatten. Es gibt jedoch viele Homosexuelle, welche unter der Ablehnung durch ihre Eltern oder Angst vor dieser zu leiden haben. Deshalb möchte ich den Bericht lieber mit diesen teilen, anstatt ihn zu vernichten. Somit kann er dennoch etwas Gutes bewirken.

Das Interview führte Hermann Kocher.


Der Bericht

Wie ich als Schwuler mit der Ablehnung meiner Mutter umging und schlussendlich glücklich geworden bin

In diesem Bericht schreibe ich über meine Zeit in der Pubertät, bis hin zum Jetzt, in der Hoffnung, dass klar wird, dass ich mich nicht dafür entschieden habe, homosexuell zu sein. Heute bin ich zwar sehr glücklich damit und würde das auch nicht ändern, wenn ich könnte, doch es hat eine Zeit gegeben, da hätte ich es geändert, wenn es in meiner Macht gestanden wäre.

18. Oktober 2017

Anfangs meiner Pubertät fing sich meine Sexualität an zu entwickeln. Bereits damals merkte ich, dass ich mich zu den andern Jungs hingezogen fühlte auf sexueller Ebene. Ich tat dies als Phase ab, doch merkte ich mit sechzehn Jahren, dass ich schwul bin. Aber ich wollte es nicht sein. Meine Mutter zeigte ihre Homofeindlichkeit schliesslich jedes Mal, wenn sich Schwule in Filmen küssten. Ich versuchte vergeblich, dies zu ändern, indem ich mir eine ehemalige Schulkollegin nackt vorstellte. Auch suchte ich im Internet nach einer «Heilung» für meine «Krankheit». Es war mir nicht möglich, meine Veranlagung zu ändern, dies wurde mir mit achtzehn Jahren klar. Ein ganzes Jahr habe ich mit Adrians Hilfe, einem Freund von mir, dazu gebraucht, wieder in den Spiegel sehen zu können. Nun wollte ich meine Sexualität ausleben. Doch ich wohnte zuhause, meine Mutter würde es zwangsläufig sehen, also wusste ich, dass ich es ihr sagen musste. So outete ich mich zuerst bei meiner Schwester, was sie erstaunlich gut aufnahm. Motiviert durch jenes gute Outing und die heroische Musik eines Videospiels, aber dennoch vor Angst bebend, fasste ich den Mut, es Mama zu sagen. Das Schlimmste, was sie tun könnte, so dachte ich damals, ist mich aus dem Haus zu werfen. Doch ihre Reaktion übertraf meine schlimmsten Alpträume.

Zuerst dachte sie, ich würde sie auf den Arm nehmen. Doch als sie merkte, dass ich es ernst meinte, beschimpfte sie mich. Ja, sie wollte sogar auswandern, um nicht im selben Land leben zu müssen wie ihr schwuler Sohn. Die folgenden Tage waren die Hölle für mich. Am liebsten hätte ich Tag und Nacht durchgearbeitet, um nicht nach Hause gehen zu müssen zu meiner Mutter, die mich ständig zurückwies, als ich sie umarmen wollte, wenn sie weinend nach Hause kam. Von meiner Mutter, die ich so liebe, verstossen zu werden, tat so unerträglich weh, dass ich mir das Leben nehmen wollte. Ich weiss noch, wie ich mit der Bitte, Zyankali einnehmen zu können, in eine Drogerie ging, was mir aber nicht verkauft wurde. Da kam mir die Idee, welche mein Herz mit der Hoffnung erfüllte, doch noch sterben zu können: Der Blaue Eisenhut, eine hochgiftige und sehr hübsche Blume, würde sicher im Blumengeschäft zu erwerben sein, dachte ich. So wäre es auch gewesen, doch war der Blaue Eisenhut ausverkauft. Man sagte mir, dass es eine Woche dauern würde, bis er wieder geliefert werde. «Eine Woche, danach kann ich meine Qualen endlich beenden», dachte ich glücklich.

Meine Mutter musste etwas geahnt haben, denn sie bat mich, mir nicht das Leben zu nehmen. Auf sie hätte ich nicht gehört, denn schliesslich war sie ja der Grund für meine Suizidgedanken. Adrian und meiner Schwester ist es zu verdanken, dass ich den Blauen Eisenhut eine Woche später nicht kaufte. Meine Mutter hatte sich wieder beruhigt. Doch ihr Gedanke, es handle sich bei meiner Homosexualität nur um eine Phase, liess mich nicht gerade viel besser fühlen. Ich liess mich bei der Militäraushebung von einem Psychologen behandeln, worauf man mich aufgrund meiner psychischen Labilität doppelt untauglich schrieb. Doch das war mir in dem Moment egal, ich wollte nur, dass es mir besser geht.

Nachdem ich mich mit Hilfe der Jugendberatung, meiner Schwester und Adrians seelisch wieder erholt hatte, verbrachte ich die nächsten zwei Jahre damit, meine Homosexualität totzuschweigen und gleichzeitig einen festen Freund zu suchen. «Wenn ich meinen Partner erst gefunden habe, wird meine Mutter es akzeptieren müssen», dachte ich. Doch die Angst, das Thema nochmals mit meiner Mutter zu besprechen, war zu gross, und so suchte ich nur halbherzig und fand natürlich niemanden. Mit 21½ Jahren entschied ich mich, allen Freunden zu sagen, dass ich homosexuell sei. Alle haben mein Outing gut aufgefasst. Mit 23 Jahren war ich endlich stolz, mich selbst zu sein, und auch darauf, dass ich schwul bin. Auch war ich nun ziemlich selbständig (und bin es es bis heute) und hatte mich auch psychisch von meiner Mutter unabhängig gemacht. Fest entschlossen, mit meiner Sexualität glücklich zu sein und diese auch auszuleben, sprach ich meine Mutter nochmals darauf an. Hätte sie so reagiert wie beim ersten Mal, wäre ich ausgezogen, das wusste ich. Sie reagierte wesentlich besser, aber immer noch nicht so, wie ich es mir wünschte. Sie meinte, sie würde meine «Entscheidung» nie verstehen und akzeptieren. Aber es sei mein Leben, und solange es in meinem Zimmer bleibe, dürfe ich auch mit Männern Sex haben. Seitdem kann ich mich sexuell beinahe voll entfalten, nur noch ein paar wenige Wünsche bleiben offen. Dazu gleich noch mehr. Und nun spreche ich meine Mutter direkt an:

Zunächst einmal hoffe ich, dass ich dir, liebe Mama, mit diesem langen Bericht aufzeigen konnte, dass ich mich nicht dazu entschieden habe, schwul zu sein. Ich habe sehr darunter gelitten und hätte es damals jederzeit geändert, wenn ich es gekonnt hätte. Trotz allem, was passiert ist, hege ich keinen Groll gegen dich. Im Gegenteil: Ich liebe dich sehr. Deshalb würde es mir auch so viel bedeuten, wenn du mir bei meinen künftigen Dates viel Erfolg wünschen würdest. Auch wünsche ich mir, dass ich dir von schwulen Freunden, welche ich auf der Suche nach einem festen Freund kennengelernt habe oder kennenlernen werde, erzählen kann, ohne fürchten zu müssen, dass du das nicht akzeptierst. Schwul zu sein gehört zu mir, und ich bin mittlerweile sehr glücklich damit. Trotz der Schwierigkeiten, die es dir bereitet, dies zu akzeptieren, weil man dir das Gegenteil beigebracht hat, bitte ich dich darum. Denn Homosexualität ist weder etwas Schlechtes noch eine Entscheidungssache. Ich bin sicher, wenn du alle Vorurteile, die man dir eingetrichtert hat, ausschaltest, wirst du mit dem Herzen sehen und verstehen.

Auch ich höre auf mein Herz, das viel durchmachen musste, und es liebt dich doch noch immer.

In Liebe, dein Sohn


Nachtrag

4. August 2021

Einige Zeit ist nun vergangen, seit ich diesen Bericht geschrieben habe. Es war zwar nie nötig, ihn meiner Mutter zu zeigen, da sie meine Homosexualität endlich akzeptiert hat. Doch möchte ich ihn veröffentlichen, um anderen Homosexuellen zu helfen. Wenn meine Mutter, die in einem homophoben Umfeld gross geworden ist, es nach neun Jahren nach meinem Outing im Alter von neunzehn Jahren doch noch geschafft hat, meine Homosexualität zu akzeptieren, besteht Hoffnung für die meisten, wenn nicht gar jeden von euch.

Glaubt an euch, ihr schafft das! 
Luca

 

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