MINJAN

Am 11. und 12. Januar im Kino Rex

Dienstag, 11. Januar 20:30 Uhr
Mittwoch, 12. Januar 18:00 Uhr

MINJAN

USA 2019, 118 Min. DCP, OV Englisch / UT Deutsch
Regie: Eric Steel
Drehbuch: Daniel Pearle, Eric Steel
Mit: Samuel H. Levine (David), Ron Rifkin (Josef), Christopher McCann (Herschel), Mark Margolis (Itzik), Richard Topol (Zalman)

Im Kino Rex Bern

 


«Little Odessa» wird der Teil Brooklyns genannt, der die grösste russische Minderheit der westlichen Hemisphäre beherbergt, darunter auch Davids Familie. Sie ist nicht nur Teil der sowjetischen, sondern auch der jüdischen Diaspora. In Brighton Beach, wie die Gemeinde offiziell genannt wird, arbeitet die Mutter als Zahnarzthelferin, die selbst Patienten behandelt und im Notfall auch dem Sohn mal eine Dosis Lachgas gönnt. Und der Vater, der als Physiotherapeut seinen Patientinnen deutlich zu nah kommt und als Ex-Boxer seinem Sohn gelegentlich eine Kostprobe seiner alten Schlagkraft verpasst. Dass David schwul ist, wissen beide nicht.

Obwohl dies alles nach Sozialdrama schreit, lässt sich das Spielfilmdebüt von Eric Steel nur sehr schwer auf ein Genre festnageln. Davids Leben im romantisch-kargen Brooklyn der 1980er-Jahre, dem der Jazz-Soundtrack eine Extraschicht New York aufpinselt, ist flüchtig. Einen wirklichen Anker gibt es für den fast-, schon- oder noch-nicht-ganz-Erwachsenen zwischen Cruising-Area und Synagoge nicht. David ist ein Pendler zwischen jüdischer Gemeinde und der Schwulenszene. Hier ist er der zehnte jüdische Mann, den es für einen vollständigen Gottesdienst in der winzigen Synagoge braucht (Minjan ist der hebräische Name dieses Quorums), dort ist er der Neuling, der die Gefahren der zwanglosen Sexkontakte noch nicht kennt.

Vordergründig verhandelt Steel in «Minjan», auch wenn der Film auf einer Erzählung des kanadischen Autors David Bezmozgis basiert, seine eigene Geschichte als junger schwuler Jude im New York der 1980er-Jahre. Der Film legt aber zugleich auch eine Parallele zwischen den emotionalen Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden und den Überlebenden der Aids-Epidemie nahe. Sie haben nicht dasselbe erlebt, denn es gibt zum Holocaust keine Entsprechung, jeder Vergleich verbietet sich. Und doch scheint Steel dafür zu plädieren, dass die Verheerungen, die zigfaches und willkürliches Sterben in den Seelen jener anrichtet, die zurückbleiben, eine unleugbare Wesensverwandtschaft aufweisen. Das ist durchaus ein streitbarer Standpunkt. Und doch, er ist legitim.

Dienstag, 11. Januar, 20:30 Uhr
Mittwoch, 12. Januar, 18:00 Uhr
Im Kino Rex Bern