DJ Coreys MusikTipps für den Februar 2021

Celeste, Arlo Parks, Ashnikko, Aish Divine, Chris Garneau, Michele Bravi, Suzane, Ani Difranco, Ryhe, Aaron Frazer

Die neuen britischen Soul-Acts Celeste und Arlo Parks. Queer und extravertiert mit Ashnikko und Aish Divine. Queer und sensibel mit Chris Garneau und Michele Bravi. Frankreichs neue queere Heldin Suzane. Eine echte queere Indie-Pionierin: Ani Difranco. Die sanften Männerstimmen von Ryhe und Aaron Frazer.


CELESTE

Not Your Muse (Universal)

Die in L. A. geborene und in der Nähe von Brighton aufgewachsene Celeste Waite nennt sich auf der Bühne einfach nur Celeste. Letztes Jahr hat Celeste die BBC-Sound Of 2020-Abstimmung gewonnen und den Brit Award für die beste Newcomerin bekommen.Auf den bisher erschienenen Singles «Strange», «Stop This Flame» und «Love Is Back» konnte die 26-Jährige schon einige Facetten ihrer souligen Ausnahmestimme zur vollen Entfaltung bringen. Auch auf ihrem Debüt «Not Your Muse» strahlt Celeste Bodenständigkeit und Authentizität aus. Stilistisch bewegt sie sich gekonnt zwischen Pop, Soul und Smooth Jazz. Die Vergleiche mit Adele, Amy Winehouse und Norah Jones sind durchaus berechtigt. In einigen Songs schimmert ebenfalls der Geist von Billie Holiday und Nina Simone durch.


ARLO PARKS

Collapsed In Sunbeams (PIAS/Transgressive/Rough Trade)

Für Arlo Parks – die richtig Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho heisst – war zuerst das Wort da, dann kam die Musik. Die 20-jährige queere Britin begann mit 14 Gedichte zu verfassen, die allmählich zu poetischen Songtexten wurden. Nach einer Reihe erfolgreicher Singles und EPs, die ihr 2020 zum Durchbruch verhalfen, kommt Arlo Parks langersehntes Debütalbum endlich heraus. Der Titel ist ein Zitat aus Zadie Smiths Roman «On Beauty» und damit eine Konzession an ihre Liebe zu Literatur. «Collapsed In Sunbeams» versammelt zwölf entspannte Folk-Soul-R&B-Miniaturen von zärtlicher Poesie und macht Arlo Parks zur wichtigsten Stimme ihrer Generation.


ASHNIKKO

DEMIDEVIL (Parlophone)

Die in London lebende amerikanische Newcomerin Ashnikko ist durch die App TikTok bekannt geworden. Schon allein ihr Image einer Manga-Heldin mit blauen Haaren und den extravaganten Klamotten vermittelt den Charme einer Lolita und gleichzeitig die Bedrohlichkeit eines Splatter-Films. Aber auch musikalisch überschreitet Ashnikko gerne die Grenzen des Verrückten und Sonderbaren. Ihre Trap-Rap-Pop-Songs, die sich mit Feminismus, toxischer Männlichkeit und sexueller Unabhängigkeit befassen, sind gewiss sehr originell. Doch manchmal treffen sich in einem einzigen Song einfach zu viele Ideen. Das wirkt auf Dauer ein bisschen ermüdend.   


AISH DIVINE

The Sex Issue (Aishvarya Shukla)

Aish Divine ist ein klassisch geschulter Komponist und Sänger mit indischen Wurzeln und lebt in New York. Mit «The Sex Issue» legt der queere Pop-Künstler ein Album über modern Liebe vor. In vierzehn Songs spiegelt sich die ganze Themenpalette des schwulen Mannes. Es geht um Sexualität, Rasse, Missbrauch, Macht, Gender, Polygamie, offene Beziehungen, Untreue, Hedonismus, Reue und Versöhnung.Musikalisch ist Aish Divine ebenfalls ein Chamaläon. Er vervollständigt Elemente aus Dance, Rap, Electro, Disco, Deep House, Glam, Bollywood und Kammermusik und fügt sie elegant zu einem schrägen und perkussiven Sound zusammen.


CHRIS GARNEAU

The Kind (Creepy Crawler)

Schon auf seinem akklamierten Debüt «Music For Tourists» 2006 liess Chris Garneau mit intimen Bekenntnisliedern aufhorchen, unter anderem über selbst erlittenen sexuellen Missbrauch als Kind. Auch wenn er anfänglich mit Rufus Wainwright verglichen wurde, steht der introvertierte Musiker eher in der Tradition von Künstlern wie Patrick Wolf, Perfume Genius oder Sufjan Stevens. Garneaus sechstes Studioalbum «The Kind» ist wieder eine intime und äusserst intensive Kammerpop-Erfahrung. Der amerikanische Singersongwriter befreit sich endgültig von den emotionalen Verletzungen der Vergangenheit. Es sind leise Lieder über das Loslassen, die von Tragik und Schönheit zugleich durchzogen sind.    


MICHELE BRAVI

La Geografia del Buio (Universal)

Als Sieger von X-Factor Italien in 2013 gelang Michele Bravi ein kometenhafter Aufstieg im Heimatland. Hohe Charts-Platzierungen, ein vierter Rang beim San Remo Festival 2017, ein eigener Youtube-Kanal und erfolgreiche Konzerttouren. Michele Bravi war nicht mehr aufzuhalten. Leider verursachte er 2018 einen Strassenunfall, bei welchem eine Frau ums Leben kam. Es folgten ein kräftezehrendes Gerichtsverfahren und weitere persönliche Auseinandersetzungen. Er stürzte in ein Loch. Nur die Liebe eines Mannes konnte ihn retten. Auf dem Konzeptalbum «La Geografia del Buio» verarbeitet Michele Bravi diesen turbulenten Lebensabschnitt und findet den Ausweg aus der Krise. Bei der musikalischen Umsetzung durfte er auf seine treuen Musikfreunde Federica Abbate, Cheope, Giuseppe Anastasi und Francesco “Katoo” Catitti zählen.


SUZANE

Toï Toï Toï II (3e Bureau/Wagram)

Nach Hoshi, Angèle, Pomme und Aloïse Sauvage ist Suzane aus Avignon das spannendste queere Talent aus der aktuellen französischen Pop-Musikszene. Die 30-jährige Rothaarige tritt stetsmit einem blau-weissen Overall auf, der offenbar von Bruce Lee, Elvis Presley und Ludwig der IV inspiriert wurde. Der Kampf für die Gerechtigkeit ist ihre Berufung. Suzane bezeichnet sich selber als engagierte Geschichtenerzählerin auf Electro-Pop-Hintergrund. Ihre gesellschaftskritischen und tanzbaren Chansons auf der Neuauflage ihres tollen Debüts «Toï Toï Toï II» treffen den Nerv der Zeit. «SLT» prangert sexuelle Belästigung an, «P’tit gars» kämpft gegen Homophobie, «Monsieur Pomme» und «Quatre coins du monde» stellen die sozialen Netzwerke in Frage und «Novembre» et «Anouckhka» sprechen die Pariser Attentate von 2015 und Gender-Fragen an.


ANI DIFRANCO

Revolutionary Love (Righteous Babe Records)

Ani Difranco ist eine Ausnahmeerscheinung in persönlicher und musikalischer Hinsicht. Exemplarisch ist ihr soziales und feministisches Engagement. Sie war eine der ersten Frauen, die sich als genderfluid bezeichneten, bevor der Begriff in den letzten Jahren salonfähig wurde. Als sie 1990 mit 18 Jahren ihre eigene Plattenfirma gründete, war die amerikanische Singersongwriterin eine der ersten unabhängigen Indie-Musikerinnen. Sie ist nach wie vor erfolgreich unabhängig. Auf ihrem neuesten Streich «Revolutionary Love» zaubert Ani Difranco elf durchaus raffinierte Songs hervor, die stilistisch irgendwo zwischen Folk, Soul und Jazz-Pop anzusiedeln sind.    


RHYE

HOME (Caroline/Universal)

Rhye, das Duo um den falsettsingenden Multiinstrumentalisten Mike Milosh und den Produzent Robin Hannibal, hielt 2013 Einzug in die Pop-Welt. Mit dem Debüt «Woman» wurde Rhyes Sound aus Soft Pop und R&B klar definiert.  Seit dem Nachfolger «Blood» von 2018 betreibt Mike Milosh Rhye als Ein-Mann-Projekt weiter. Auf «Home», das in seinem Heimstudio in Los Angeles entstand, erweitert der klassisch geschulte Cellist die bewährten Musikthemen um warme Streicherarrangements, Funk-inspirierte Basslinien und sinnliche, leicht gedämpfte Deep-House-Beats. Eine echte Bereicherung, die für eine bisher unerhörte musikalische Dichte sorgt. «Home» ist eine Einladung zur intimen, zurückhaltenden Dance-Party in den eigenen vier Wänden.


AARON FRAZER

Introducing… (Dead Oceans/Cargo)

Aaron Frazer ist als Schlagzeuger der Retro-Soul-Band Durand Jones & The Indications bekannt geworden. Seine sanfte Falsetto-Kopfstimme hat ihm Vergleiche mit Soul-Grössen wie Curtis Mayfield und Marvin Gaye eingebracht und die Aufmerksamkeit von Dan Auerbach von den Black Keys auf sich gezogen. Letzterer hat mit der gewohnten Detailverliebtheit das erste Solo-Album dieses weissen Soul-Bruders produziert. Vom wunderbar gestalteten Coverbild bis zum letzten Ton erfüllt «Introducing…» sämtliche Vorstellungen an eine gelungene Retro-Soul-Platte. Aaron Frazers Soul-Stimme bringt nicht nur jedes Eis zum Schmelzen, sondern auch jedes Herz zum Schwelgen.  


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Die Musiktipps von DJ Corey immer am 1. Sonntag im Monat im QueerUp Radio auf Radio RaBe
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