Beyto — zwischen Tradition und Selbstbestimmung

Gitta Gsell über ihren neuen Film

Als der 19-jährige Beyto sich in seinen Trainer Mike verliebt, verheiraten ihn seine Eltern während dem Urlaub im türkischen Heimatdorf mit Seher, seiner Freundin aus Kindheitstagen. Zurück in der Schweiz, befindet sich Beyto in einer zerreissenden Dreiecksbeziehung. «Beyto» von Gitta Gsell kommt am 29. Oktober in die Kinos. Eine Vorpremiere mit der Regisseurin, Cast und Crew findet bereits am Dienstag, 20. Oktober um 20 Uhr, im Kino Rex Bern statt.

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Der Roman «Hochzeitsflug» von Yusuf Yeşilöz erschien 2011. Es ist die Geschichte von einem jungen türkischen Mann, der in der Schweiz aufwuchs und frisch verliebt ist — in einen Mann! Homosexualität ist bei vielen Migrant*innen aus dem Nahen Osten ein heikles Thema. Zudem wird, trotz Verbot in der Schweiz, Zwangsheirat praktiziert —auch bei Schwulen. Genau diesen Herausforderungen muss Beyto sich stellen. Als seine Eltern herausfinden, dass er in seinen Schwimmtrainer verliebt ist, locken sie ihn unter Vorspielung falscher Tatsachen in die anatolische Heimat. Dort wird er gegen seinen Willen mit seiner Jugendfreundin verheiratet. Es kommt zum klassischen Einwanderer-Dilemma: Selbstbestimmung gegen Tradition.

Gitta Gsell

Dass das ein guter Filmstoff ist, war der Regisseurin Gitta Gsell sofort klar, als sie das Buch las. Es geht um Widerspruch, Einsamkeit, Wut und um Selbstfindung. Das sind grosse Gefühle, die nicht nur der Protagonist, sondern auch Familie, Freunde und die ungewollte Braut ertragen müssen. Gitta Gsell zeigt Verständnis für ihre Figuren. «Die Eltern möchten ihre Tradition aus dem kleinen türkischen Dorf auch in der Schweiz weiterleben. Sie träumen von den trockenen Hügeln Anatoliens und verschliessen sich gegen die Einflüsse der modernen Schweiz. Beyto ist hin- und hergerissen zwischen Kulturerbe und Moderne, und sucht einen Weg zwischen dem Familienzusammenhalt Zuhause und den Freiheiten der westlichen Welt. Bei jeder Figur ist die Lebenshaltung verständlich».

Nicht nur die Story und ihre Rollen, auch das Milieu reizte Gitta Gsell. «Ich habe früher Jugendliche unterrichtet und einerseits den Slang mit miesen, ausgrenzenden Schimpfworten hautnah mitbekommen, und andererseits die Problematik erlebt, denen Jugendliche mit Migrationshintergrund ausgesetzt sind», erzählt sie. «Um die Sprache und Authentizität der Figuren im Film zu gewährleisten, habe ich die Dialoge mit jungen Männern mit türkischem Hintergrund überarbeitet.» Für verschiedene Rollen aus dem türkisch/schweizerischen Milieu wurden Laien gecastet — auch den Hauptdarsteller Burak Ates, der Beyto spielt. Diese Rolle zu besetzen war allerdings nicht leicht. Im professionellen Umfeld liess sich schlichtweg niemand finden, der den Rollenanforderungen entsprochen hätte, also einem jungen Mann aus der Schweiz, der beide Kulturen kennt, beide Sprachen spricht und somit den Konflikt von Beyto nachvollziehen kann. Erschwerend kam die schwule Thematik hinzu. «Viele, die wir gecastet haben, lehnten ab, als sie erfuhren, dass sie einen Schwulen verkörpern sollen. Das taten sie nicht, weil sie selber ein Problem mit Homosexualität gehabt hätten, sondern weil sie sich vor der Reaktion ihrer Eltern oder anderen Familienmitgliedern fürchteten.»

Viele, die wir gecastet haben, lehnten ab, als sie erfuhren, dass ein Schwuler verkörpert soll.

«Beyto» wurde grösstenteils in der Schweiz gedreht, aber auch in einem Dorf der Türkei. Allerdings konnte die Filmcrew den Dorfbewohnern nicht erzählen, um was es wirklich geht im Film. Trotzdem fand Gitta Gsell die Dreharbeiten dort ganz fantastisch. «Die Türkei verfügt über eine grosse, professionelle Filmindustrie, und unser türkischer Serviceproduzent hat uns eine sehr gute Film-Crew zusammengestellt. Darüber hinaus ist die Gegend dort wahnsinnig filmogen!»

Es ist schwierig, Beytos Geschichte zur erzählen und dabei eine Kultur, in der Homosexualität verpönt ist, nicht als rückständig zu brandmarken. Wie ist Gitta Gsell mit dieser Gefahr umgegangen? Sie gesteht, dass es tatsächlich eine Gratwanderung war, «denn selbstverständlich liegt es mir absolut fern, eine Kultur zu verurteilen. Gleichzeitig darf die Problematik aber auch nicht verschwiegen werden. Mir war es wichtig aufzuzeigen, dass nicht nur Beyto und seine Generation unter der Situation leidet, sondern dass auch die Eltern sich im Clinch befinden. Im Verlauf der Geschichte beginnen die Eltern ihren Sohn besser zu verstehen. Gleichzeitig droht ihnen der Ausschluss aus der eigenen Gemeinschaft, wenn nicht nach alten Traditionen gelebt wird. Ein Teufelskreis. Und zwar für alle. Denn alle stehen irgendwie unter Zugzwang.»

Der Film «Beyto» beleuchtet eine aktuelle Problematik. Die von der westlichen Gesellschaft über Jahrhunderte erkämpften Freiheiten und Toleranz, werden durch Migranten patriarchalischer Gesellschaften relativiert und in Frage gestellt. «Beyto» thematisiert dieses Spannungsfeld ohne Schuldzuweisung. Dabei geht es um individuelle Lebensmuster, die sich innerhalb dieses Spannungsbogens zwischen Normen, Ideologien und Wertvorstellungen behaupten müssen. Gitta Gsell erzählt die Geschichte subtil, sinnlich und voller Sommerwärme. Ein Film, den man nicht verpassen sollte!


«Beyto»

CH 2020; Regie: Gitta Gsell
Darsteller: Dimitri Stapfer, Beren Tuna, Serkan Tastemur, Burak Ates, Ecem Aydin, Zeki Bulgurcu
Kinostart: 29.10.2020

Vorpremiere
mit der Regisseurin, Cast und Crew
Dienstag, 20. Oktober
20 Uhr, Kino Rex Bern


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