Lesbische Spitzensportlerinnen erzählen …

… im Buch «Vorbild und Vorurteil»

Einige Schweizer Spitzensportlerinnen wie die Fussballerin Ramona Bachmann gehen offen mit ihrem Lesbischsein um, andere verbergen ihr Privatleben, um die Karriere nicht zu gefährden. Fünf Autorinnen erzählen die ganz persönlichen Lebens- und Sportgeschichten 28 frauenliebender Spitzensportlerinnen in der Schweiz.

Als Curdin Orlik sich im März als erster aktiver Spitzensportler überhaupt in der Schweiz als schwul outete, warf das hohe Wellen und wurde als wichtiger Beitrag zur Toleranz gefeiert. (Mehr zu Curdin Orliks Outing hier) Hätte eine Schwingerin sich als lesbisch geoutet, hätte das viel weniger Beachtung gefunden. Aber nicht etwa weil Lesbischsein in der Gesellschaft akzeptabler ist, sondern weil eine Sportlerin in einer männer-dominierten Sportart schlicht nicht ernst genug genommen wird, um ihr Outing als wichtig zu erachten. Wie Frauen im Spitzensport marginalisiert werden, zeigt sich anhand folgender Anekdote deutlich: Als der FC Basel 2018 ein Jubiläum feierte, verwöhnte der Club die männlichen Fussballspieler mit einem Galadinner – die weiblichen Spielerinnen durften währenddessen Tombolalose verkaufen und wurden anschliessend in einem Nebenraum mit einem Sandwich abgespeist.

Dass Frauen im Sport – vor allem im von Männern geprägten Profisport – nach wie vor wenig Anerkennung erfahren und zudem massiv weniger verdienen, ist ein Skandal. Aber auch ein leichter Vorteil für lesbische Sportlerinnen, denn sie haben bei einem Outing weniger zu verlieren. «Fussballerinnen sind sowieso alle lesbisch» sagt der Volksmund. Nun, nicht alle, aber viele. 1994 löste der FC Wettstein-Bonstetten sein Frauen-Fussballteam auf, weil angeblich zu viele Lesben mitspielten. «Der Verein wurde ausgenützt für das Ausleben von abnormalen Veranlagungen», begründete der Fussballclub damals in einem Communiqué sein Vorgehen und sorgte damit landesweit für Schlagzeilen. Gegen diese Darstellung wehrten sich die Spielerinnen mit Hilfe der LOS. Sie fanden, die Auflösung des Frauenteams sei eine «willkürliche und offensichtliche Diskriminierung lesbischer Frauen, die jeglicher objektiven Grundlage entbehrt». (Mehr dazu hier)

Das Vorurteil, dass die Mehrheit der Fussballerinnen lesbisch sei, hat sich zu einer Stärke entwickelt.
Sarah Akan

Solche Skandale gab es auch in anderen Ländern. Erstaunlicherweise haben diese dazu geführt, dass der Frauenfussball populärer wurde und es inzwischen die Sportart ist, in der es die meisten offen lesbischen Sportlerinnen gibt. Die Fussballerin Sarah Akanji schreibt im Vorwort zum Buch «Vorbild und Vorurteil»: «Das Vorurteil, dass die Mehrheit der Fussballerinnen lesbisch sei, hat sich zu einer Stärke entwickelt: Die Toleranz und Offenheit gegenüber unterschiedlichen Sexualitäten führen zu einer Gemeinschaft, Kraft und Zusammenhalt innerhalb unseres Sports.»

Eine dieser offen lesbischen Fussballerinnen ist Lara Dickenmann. Im Buch «Vorbild und Vorurteil» erzählt die Profispielerin, dass ihr bereits mit 13 Jahren klar war, dass sie lesbisch ist. «In mir drin hat es sich nie schlecht angefühlt. Und trotzdem: Ich wollte nicht abgestempelt werden. Ich wollte nicht Fussball spielen und dann auch noch lesbisch sein. Dieses Klischee wollte ich nicht bestätigen». Als sie mit 16 Jahren ein Stipendium fürs Studieren und Fussballspielen in den USA erhielt, wollte sie dort einen Neustart wagen. «Ich nahm mir vor: Ab jetzt stehe ich auf Männer». Wie alle homosexuell veranlagten Menschen wissen: das funktioniert nicht. Auch bei Dickenmann nicht. «Die Realität hat mich ziemlich schnell eingeholt». Dank ihrer ersten Freundin in den USA konnte sie schliesslich zu sich stehen. «Das war ein befreiender Moment, der Startschuss zu meinem Öffnungsprozess. Aber ich war in den USA, die Schweiz war weit weg. Und so dauerte es bis zum öffentlichen Coming-out in meiner Heimat noch ein paar Jahre». Ihr ist dieses Thema ein wichtiges Anliegen. «Als Kind und Jugendliche hatte ich niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte. Vielleicht kann ich nun einen Beitrag leisten und zeigen, dass man gut damit leben kann. Wenn es nur jemandem hilft, sich zu öffnen und sich wohler zu fühlen, dann hat sich mein Coming-out gelohnt».

Ich wollte nicht Fussball spielen und dann auch noch lesbisch sein. Dieses Klischee wollte ich nicht bestätigen.
Lara Dickenmann

Nicht alle 28 lesbischen Sportlerinnen, welche die fünf Autorinnen in ihrem Buch «Vorbild und Vorurteil» porträtieren, gehen so offensiv mit ihrer Homosexualität um, wie das Lara Dickenmann tut. Einige finden, dass ihre Sexualität nichts mir ihrer sportlichen Leistung zu tun hat, also auch nicht im Interesse der Öffentlichkeit zu sein hat. Die schnellste Marathonläuferin der Schweiz, die Bernerin Maja Neuenschwander erzählt: «Das Gefühl, lesbisch zu sein, kam bei mir schleichend. Und so habe ich mich auch langsam in diese Welt hineinbegeben und gelebt, was ich fühlte. Nie hatte ich das Bedürfnis, ein grosses Ding daraus zu machen, darum habe ich mich im Sport auch nie aktiv geoutet. Versteckt habe ich meine Liebe aber auch nie, weder privat noch in der Leichtathletik. Ich denke, diese Art entspricht meinem Wesen. Ich habe nicht immer Lust, alles zu bereden und mitzuteilen».

Die porträtierten Frauen hatten bei ihrem Coming-out ähnliche Probleme und Ängste wie Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Wie wird meine Familie, mein Umfeld auf mein Outing reagieren? Werden sie mich noch mögen oder werde ich verstossen? Bei den Sportlerinnen kommt die Frage hinzu, ob sie von ihrem Sportclub auch als frauenliebende Frauen willkommen sind. Bei vielen aber geht es schlicht um den schnöden Mammon. Sie haben Angst Sponsoren zu verlieren, wenn sie sich öffentlich outen. Der befürchtete Verlust von Sponsorengelder war deshalb einer der am häufigsten genannten, den die Autorinnen zu hören bekamen, wenn sie nach Gründen für ihre Absage fragten. Es gab aber auch anders erklärte Absagen: Die einen wollten beim Buchprojekt nicht dabei sein, weil sie in ihrem Umfeld (noch) nicht geoutet sind. Andere fanden, dass eine solche Auflistung lesbischer Athletinnen dem Frauensport insgesamt eher schadet als nützt. Und wieder andere befürchteten dadurch auf ihr Lesbischsein reduziert zu werden. Leider ist es diesen Frauen nicht zu verdenken, dass sie bei diesem Projekt nicht dabeisein wollten. Tatsache ist: Homophobie ist im Sport nach wie vor weit verbreitet. Aber es wurden auch Fortschritte erzielt. 2015 lanciert Swiss Olympic die Kampagne «Rote Karte gegen Homophobie im Sport» und gab ein klares Statement ab: «Schwul oder lesbisch zu sein lässt einen nicht langsamer laufen, weniger weit werfen oder springen – die sexuelle Orientierung hindert niemanden an seiner sportlichen Leistung – die Homophobie schon!» Zwischen diesen hehren Prinzipien und der realen Umsetzung besteht jedoch immer noch eine grosse Kluft.

Die fünf Autorinnen haben alle einen sportlichen Hintergrund, aber es fehlte ihnen an weiblichen Vorbildern im Sport – auch lesbischen Vorbildern. Mit ihrem Porträtbuch wollen sie das für die kommende Generation ändern. «Doch nicht nur junge Sportlerinnen sprechen wir mit diesem Projekt an, sondern alle, die sich für mehr als nur Normbiografien interessieren. Nur wenn lesbische Frauen im Sport wahrgenommen werden, können sie zu Vorbildern werden. Wenn dieses Buch nur schon einer Person Mut macht oder jemanden sensibilisiert, dann haben wir unser Ziel erreicht.»


Vorbild und Vorurteil

Lesbische Spitzensportlerinnen erzählen

Autorinnen: Corinne Rüfli, Marianne Meier, Monika Hofmann, Seraina Degen und Jeannine Borer

Hier erhältlich: www.hierundjetzt.ch

 

 

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.