Queer Cowboys

Orville Peck und Lil'Nas X

Zwei queere Cowboys, der maskierte Orville Peck und der rappende Lil’Nas X, haben 2019 die Musikszene erobert. Nicht die ersten, bestimmt nicht die letzten, aber bisher die besten, die Country-Musik etwas bunter machen. DJ Ludwig über neue und alte Helden des Gay-Country.

Country gilt nicht als eine besonders schwulenfreundliche Musikszene, auch wenn ihr grösster Star, Dolly Parton, eine Gay-Ikone ist. Doch auch in einem schwulenfeindlichen Umfeld können queere Acts erblühen. Eine dieser raren Pflanzen wuchs bereits 1973 aus dem kargen Untergrund. Die queere Kultband Lavender Country spielte Lieder mit explizit schwulen Texten. Ihr bekanntester Song war «Cryin’ These Cocksucking Tears». Doch Lavender Country blieb ein subkulturelles Phänomen. Erst heute wird der erste offen schwule Countrysänger wiederentdeckt und gefeiert. Patrick Haggerty, der Bandleader von Lavender Country, hat nach 47 Jahren sogar ein neues Album veröffentlicht!

Gay-Country Pionier Lavender Country


Cowgirls

In den 90er-Jahren wurde k.d. lang bekannt, nicht nur wegen ihrer einzigartigen Stimme, sondern auch wegen ihrem Image als Butch-Lesbe. Sie hat die Gender-Grenzen erweitert und den Weg für weitere queere Künstler*innen frei gemacht. Doch diesen Sommer hat die Sängerin aus Kanada auf BBC verkündet, dass sie sich aus dem Musikgeschäft zurückzieht. «Die Muse weicht mir aus», ist ihre Begründung. Doch es gibt ihr Hoffnung, dass man heute das Radio einschalten kann, und es sing auch mal ein Typ über einen anderen Typen. «Es ist fast, also ob die Geschlechterkategorisierung endlich ausgerottet wird, was schön ist, was einige von uns immer wollten», erfreut sich k.d.lang.

Zwei lesbische Heldinnen im Duett:
k.d. lang und Melissa Etheridge

 

Heute gibt es einige lesbische Musikerinnen, die mit Country, Folk oder Rock ziemlich erfolgreich sind wie Brandi Carlile, Chely Wright, Mary Gauthier oder Brandy Clark. Auch ein paar männliche Kollegen stehen öffentlich dazu, auf Männer zu stehen. Anfangs der 00er-Jahren war Mark Weigle («The Two Cowboy Waltz») der einzige schwule Countrysänger.  2015 konnte der Sunnyboy Steve Grand – der ist, was er besingt, ein «All American Boy» – auf sich aufmerksam machen. Steve Grand verkörpert den netten Schwulen von nebenan, doch besonders erfolgreich wurde er mit diesem Image nicht. Es ist auch heute noch schier unmöglich in der Country-Szene als Homo an den grossen Erfolg zu kommen. Nach wie vor ist das Umfeld in der Country-Hauptstadt Nashville sehr konservativ.

Steve Grand – Der Country-Boy von nebenan


Orville Peck – Der maskierte Cowboy

2019 tauchte einer in der Country-Szene auf, der nicht nett ist, der das Mondlicht der Sonne vorzieht und der musikalischer lieber Off-Road geht und die düstern Ecken der Welt aufsucht. Orville Peck, spielt klassischen Country, eine Mischung aus Johnny Cash und Patsy Cline mit einer Prise Joy Division und einem Schuss Nick Cave. Seine Helden sind Weirdos, und Underdogs, Aussenseiter eben, wie er einer ist, ein Cowboy mit rebellischem Geist. Orville Peck ist immer maskiert. Er sieht aus wie der Held aus einem Comic, wie ein schwuler Lucky Luke – verdammt sexy! Seinem mageren, tätowierte Körper und seiner Gestik merkt man  die tänzerische und schauspielerische Ausbildung an. Orville Peck maskiert sich aber nicht, um sich zu verstecken. «Das ist der wahre Orville Peck, ich bin gerne etwas mysteriös», sagt er. Orville findet aber, das diese Maskerade keine Kunstfigur darstellt, genauso wie auch Dolly Parton keine ist. Beide sind sie überspitzte Versionen ihrer wahren Persönlichkeit, also eher Drag als Verkleidung.. Auch wenn sein geheimnisvolles Image sehr ansprechend ist und «instagrammable» (116’000 Followers!), ist es doch die Musik und seine Songs, die ihn verdientermassen im Galopp nach vorne bringen. Das er nicht einen Plattenvertrag bei einem Label in Nashville erhalten hat, ist klar. Seine Musik ist zu düster, zu schräg für den Mainstream. Das Alternativ-Plattenlabel SubPop hatte den richtigen Riecher und nahm in unter Vertag. Die Zeit ist reif für einen queeren Cowboy, besonders wenn er so schöne Songs schreiben und so grossartige Videos dreht wie «Hope To Die».


Lil’Nas X – Hip-Country-Hop

Wie Country gilt auch Hip Hop als wenig gayfriendly. Das diese beiden Stile von einem schwulen Musiker vermischt werden, der daraus einen der grössten Hits im 2019 produziert, ist bezeichnend. Es ist eben doch so, als sexueller Aussenseiter ist man eher bereit, neu Sachen auszuprobieren und Grenzen zu überschreiten. In Lil’Nas X Hit «Old Town Road» gibt es zwar keinen explizit schwulen Text, aber das sich der Sänger als schwul outete, als er mit dem Song in den US-Charts auf Platz 1 landetet, ist mutig und eine Pioniertat. Noch kontroverser diskutiert als sein Outing wurde, ob dieser Song «Country» genug ist für die Country-Charts. Das ein schwarzer, schwuler Sänger tatsächlich dort den ersten Platz besetzt, war eine kleine Revolution und dürfte einige konservative Country-Fans erschreckt haben. Doch Lil’Nas X erhält Unterstützung von Country-Star Billy Ray Cyrus, der Vater von Miley Cyrus, und anderen liberalen Country-Stars, die sich schon lange für LGBT-Anliegen und gegen das konservative Image von Country einsetzen.

Orville Peck und Lil’Nas X haben gezeigt, was echte Cowboys sind. Rebellen die sich nicht anpassen, die gegen Widerstand kämpfen und ihren eigenen Weg gehen.

 

DJ Ludwigs QueerCountry Playlist

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