«Bohemian Rhapsody» vs. «Rocketman»

Biopics über schwule Musiker aus den 70er-Jahren

Welcher Film ist besser? Der über Freddie Mercury oder der über Elton John? «Bohemian Rhapsody» kann man jetzt mieten und ab 30. Mai läuft «Rocketman» bei uns in den Kinos.

Nach Freddie Mercury wird einem weiteren schwulen Musiker aus den 70er-Jahren ein filmisches Denkmal gesetzt. Jetzt kommt auch Elton John zu dieser Ehre. Ende Mai läuft «Rocketman» in den Kinos an, der die Geschichte von Elton John erzählt. Obwohl die beiden Musiker und ihre Biopics viel gemeinsam haben, sind sie doch auch sehr unterschiedlich. Doch welcher ist besser?

«Bohemian Rhapsody»

«Bohemian Rhapsody», der Film über Freddie Mercury, lief im Kino ziemlich erfolgreich und der Hauptdarsteller Rami Malek bekam für seine Leistung sogar einen Oscar. Doch die Kritiken, besonders die aus dem LGBT-Lager, waren durchzogen. Dem Film wurde vorgeworfen, zu stark zu beschönigen und dass Freddies Homosexualität zu dezent dargestellt werde.

«Bohemian Rhapsody» stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Da waren einerseits die beiden Queen Musiker Brian May und Roger Taylor, die Mitsprache hatten und der Produktion Steine in den Weg legten. Sie verdienen noch heute mit Freddies musikalischem Erbe Millionen und wollten deshalb einen familienfreundlichen Film, der die Marke ‘Queen‘ schützt und nicht beschmutzt. So war ursprünglich Sacha Baron Cohen für die Hauptrolle vorgesehen. Doch der zog sich wegen ‘künstlerischen Differenzen’ zurück. Der Komiker, der für seinen schonungslosen Humor bekannt ist («Brüno»), ging das Projekt mit viel Leidenschaft an, doch ihm war diese weichgespülte Version zu langweilig. Brian May konterte: Sacha Baron Cohen hätte die Figur nur ins Lächerliche gezogen.

Partyszene im Film «Bohemian Rhapsody». Rami Malik als ‘Queen’ Freddie Mercury.

 

Es wurde über weitere Darsteller und Regisseure verhandelt, bis dann endlich Bryan Singer («X-Men») als Regisseur und Rami Malik als Hauptdarstellen den Zuschlag erhielten – nach sieben Jahren Vorbereitungszeit! Doch damit hörten die Probleme nicht auf. Bryan Singer soll sich am Set, wenn er denn geruhte dort aufzutauchen, unmöglich benommen haben. Rami Malek beschwerte sich beim Studio Fox. Gleichzeitig geriet Singer im Zuge der #MeToo Debatte in die Schlagzeilen. Er soll minderjährige Jungs missbraucht haben, was er von sich wies. Doch das Studio sprach die Kündigung aus. Singer fand das herzlos, er wolle doch nur mehr Zeit, um sich um seine kranke Mutter zu kümmern, verteidigte er sich. Also wurde für die letzten Drehtage der Regisseur Dexter Fletcher verpflichtet. Dieser erscheint zwar nicht in den Credits, doch das soll ihn nicht gross gestört haben, denn er hat soeben sein Biopic über Elton John abgedreht. Trotz dem ganzen Drama um «Bohemian Rhapsody» ist der Film gelungen, man sieht ihm die Querelen nicht an. Der Film spielte auch an den Kinokassen viel Geld ein. Er wurde sogar erfolgreicher als viele andere Biopics über Musiker vor ihm. Aber wurde er Freddie Mercury gerecht?

 

«Rocketman»

Nun kann Dexter Fletcher also zeigen, wie man einen Film über einen ungeouteten Rockmusiker in den 70er-Jahren richtig macht. Ihm wurden auch keine Steine in die Wege gelegt. Obwohl Elton John selbst und sein Ehemann David Furnish als ausführende Produzenten mitwirkten, mischten sie sich wenig ein und liessen dem Drehbuchautor (Lee Hall) und dem Regisseur die künstlerische Freiheit. Das scheint sich auszuzahlen. Nach der Premiere von «Rocketman» am 16. Mai an den Filmfestspielen in Cannes zeigten sich die Kritiker*innen erfreut. Elton Johns Drogensucht und seine Probleme mit der eigenen Homosexualität werden ungeschönt gezeigt. Es gibt sogar eine schwule Sexszene, was in einer Major-Produktion aus Hollywood eine Premiere ist. Der Regisseur wehrte sich erfolgreich dagegen, die Sexszene zu streichen, damit der Film ‘family friendly’ wird. Hier wird also im Gegensatz zu «Bohemian Rhapsody» das ‘Straight-washing’ vermieden.

Taron Egerton als Elton John und Richard Madden als John Reid, der nicht nur sein Manager, sondern auch sein Liebhaber war.

 

Der Film ist eigentlich eher ein Musical, weil er nicht wie üblich in Filmen über Musiker eine Abfolge von musikalischen Auftritten und biografischer Erzählung zeigt, sondern Handlung und Musik ‘flamboyant‘ vermischt, wie es zu einem extravaganten Typen wie Elton John passt. Der Film sei magisch und berauschend. Einige Kritiker bemängeln, dass dieses ‘Fantastische‘ den Tiefgang verhindere, andere begrüssen grad das und finden, dies mache ihn zu einem sehenswerten Film. Natürlich hakt «Rocketman» Elton Johns wichtigste Stationen in seiner Karriere eine nach der anderen ab, aber das virtuos, mal düster, mal bombastisch. Besonders wird der Hauptdarsteller Taron Egerton gelobt. Er spielt Elton John nicht nur überzeugend, er singt auch alle Songs im Film selbst! Elton John hat den Schauspieler höchstpersönlich ausgewählt und ist sehr zufrieden, wie er auf der Leinwand von ihm dargestellt wurde. Elton liess sich sogar zitieren, dass noch keiner seine Songs so gut gesungen habe wir Taron. Übrigens sind sowohl Rami Malik, der Freddie-Darsteller, als auch Taron Egerton heterosexuelle Schauspieler, was zu weiteren Diskussionen führte. Hätte man nicht auch schwule Schauspieler für die Rolle finden können? Darauf muss man antworten: Das sind Schauspieler! Klar können sie einen Schwulen spielen ohne selbst schwul zu sein. Das Problem ist nicht, dass ein Hetero einen Homo spielt, sondern dass offen schwule Schauspieler oder lesbische Schauspielerinnen keine Rollen als Heteros erhalten. Dies ist auch der Grund, dass es in Hollywood immer noch so wenige geoutete Schauspieler und Schauspielerinnen gibt.

Der Film endet mit dem Dreh zum Videoclip «I’m Still Standing» im Jahr 1983. Der Videoclip wurde an der Strandpromenade in Cannes gedreht, wo der Film «Rocketman» jetzt Premiere feierte. So hat sich der Kreis geschlossen. Dass Elton Johns Karriere nach 1983 noch sehr viel erfolgreicher als vorher weiter geht, sowohl als Musiker als auch als Privatmensch, das könnte ein weiterer Film werden.


«Rocketman» läuft ab dem 30. Mai bei uns in den Kinos.
«Bohemian Rhapsody» läuft immer noch in ein paar Kinos und gibt es auch auf Pay-TV.

 

«Bohemian Rhapsody»

USA, Grossbritannien, 2018
Regie: Bryan Singer, & Dexter Fletcher (nicht aufgeführt)
Drehbuch: Anthony McCarten,
Besetzung:
Rami Malek: Freddie Mercury
Lucy Boynton: Mary Austin
Gwilym Lee: Brian May
Ben Hardy: Roger Taylor
Joseph Mazzello: John Deacon
Aidan Gillen: John Reid
Tom Hollander: Jim „Miami“ Beach

 

«Rocketman»

Vereinigtes Königreich, USA, 2019
Regie: Dexter Fletcher
Drehbuch. Lee Hall
Besetzung:
Taron Egerton: Elton John
Jamie Bell: Bernie Taupin
Richard Madden: John Reid
Bryce Dallas Howard: Sheila Eileen
Stephen Graham: Dick James
Tate Donovan: Doug Weston

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